Veröffentlicht von Doris Hüls am Fr., 22. Jan. 2016 10:49 Uhr

Eine Woche debattieren über 100 evangelische Christen aus 40 Ländern auf Einladung von „Brot für die Welt“ und der Missionsakademie in Hamburg auf dem Gelände der evangelisch-lutherischen Universität in Sao Leopoldo (Brasilien) über die Bedeutung der Reformation für die Kirchen in aller Welt heute: Inder, Südafrikaner, Dänen und Vertreter der Kirchen aus Bangladesch, Kanada, Madagaskar berichten über die Situation ihrer Kirchen in ihren Ländern.

Es gibt keinen Raum, der alle Teilnehmer fasst. So finden die Plenumsveranstaltungen und auch die Gottesdienste in einem großen Zelt statt. Ich staune über die Unterschiedlichkeit der Situationen und der Herausforderungen, in der die Kirchen in den verschiedenen Ländern stehen.
Unser deutsches Problem der zunehmenden Säkularisierung und Institutionskritik ist vielen Christen in anderen Ländern unbekannt. Hier geht es um Aufgaben wie: der Bildungsauftrag der Kirche, die Frage nach Gerechtigkeit in Bezug auf Landverteilung oder Zugang zu Trinkwasser, die Frauenfrage und die Situation der indigenen Bevölkerung. Getragen wird dieses Engagement und der Einsatz der Kirchen vom Glauben, wie ihn die Reformatoren formuliert haben: allein durch Glaube, allein durch Gnade, allein durch Christus, allein durch die Schrift. Die geistliche und gesellschaftspolitische Herausforderung an alle Kirchen gemeinsam lautet: was können wir als Christen gemeinsam für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung in der globalisierten Welt tun? Genau diese weltweite Dimension bringt das Themenjahr für das Jahr 2016 der evangelischen Kirche in Deutschland zum Ausdruck: Es lautet „Reformation und die Eine Welt“.

Denn Martin Luthers reformatorische Impulse und seine Rede von Gott - wie auch die von Jan Hus, Huldrych Zwingli, Johannes Calvin und anderen - blieben keine lokal begrenzten Ereignisse, sondern gingen durch Einwanderer und Mission um die Welt und veränderten damit die Welt. Über 400 Millionen Protestanten weltweit verbinden heute ihren Glauben mit dem reformatorischen Geschehen. Das Reformationsjubiläum 2017 wird daher – anders als alle Luther- und Reformationsjubiläen bisher – in globaler Gemeinschaft von Feuerland bis Finnland, von Südkorea bis Nordamerika gefeiert. Und die reformatorische Verantwortung bleibt weiterhin aktuell. Auch wenn die Welt uns durch das Internet näher scheint als je zuvor, bleiben Armut, Ungleichbehandlung und Not für unzählige Menschen dieser Erde tägliche Begleiter. „Aufklären und Aufbegehren“ - diese Haltung Martin Luthers bleibt nach wie vor aktuell.

Mögen sich auch die Themen verändert haben, stehen wir doch vor neuen Aufgaben. Ob die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel, eine verbesserte Flüchtlingspolitik, der notwendige Dialog zwischen den Religionen - „reformatorisch handeln“ heißt gemäß dem 21. Jahrhundert auch, die Vielfältigkeit des Menschseins anzunehmen und gegen Intoleranz, Hass und Fundamentalismus aufzubegehren. Es wird nie eine einheitliche globale Theologie, eine einheitliche Weltanschauung geben, aber mit kritischen Fragen an sich selbst und die Welt und mit Mut zur Veränderung und Verbesserung könnten die reformatorischen Ideen aktueller nicht sein.

von Christa Olearius

Kategorien Themenschwerpunkt