Veröffentlicht von Doris Hüls am Fr., 20. Mai. 2016 10:25 Uhr

In Zeiten von Email, SMS, Facebook und WhatsApp eine veraltete Form von Freundschaftspflege? Vielleicht, aber bei mir entwickelten sich aus meinen Briefkontakten (in den 70iger Jahren des 20. Jahrhunderts gab es ja auch keine andere Möglichkeit der Kontaktaufnahme …) lang anhaltende Freundschaften mit Zeiten des intensiven Briefeschreibens, auch der zeitweiligen Kontaktunterbrechungen, der gegenseitigen Besuche, der Ausweitung auf Kontakte unter den Familienangehörigen, der Mitfreude und des Mitleids bei familiären Ereignissen.

Als erstes erhielt ich als 14 Jahre alter Schüler die Adresse eines ebenso alten Schülers aus England, die Vermittlung übernahm damals eine Organisation aus Kopenhagen. Während ich versuchte, dem Briten einen Brief mit Hilfe meiner holprigen Englischkenntnisse zu schreiben, bekamen mehrere InteressentInnen in verschiedenen europäischen Ländern meine Postanschrift, so dass ich mich bald gezwungen sah, zwischen mehreren Briefkontakten auszuwählen. Bereits nach den ersten Monaten verdichteten sich die Briefkontakte zu einer Norwegerin und einer jungen Britin aus Schottland. Dagegen kam der Kontakt zu dem jungen Engländer leider gar nicht zustande.

Bereits mit 16 Jahren beschloss ich, die Norwegerin in ihrem Elternhaus zu besuchen und mit 18 reiste ich mit einem Schulfreund per Anhalter nach Schottland. Nicht immer halten auch noch so intensiv betriebene Briefkontakte, meine erste Schreibfreundin aus Norwegen schrieb mir nach meinem Besuch nur noch wenige Male, dafür bekam ich plötzlich von ihrer Freundin, die ich in Norwegen kennen gelernt hatte, Post. Mit ihr und ihrer Familie verbindet meine Familie und mich seitdem eine tiefe Freundschaft.

Die Verbindung zu meiner Schreibfreundin aus Schottland riss nie ab. Heute wohnt sie mit ihrem Lebensgefährten und ihrem Hund in Nordengland. Inzwischen schreiben wir uns nur noch ab und zu einen Brief, der Kontakt nach Norwegen und Großbritannien läuft heute auch über das Emailschreiben und das Telefon. Aber am wichtigsten sind doch die persönlichen Begegnungen. So waren meine Freundinnen und ihre Partner auch gern gesehene Gäste bei meiner Hochzeit und anderen Gelegenheiten. Meine Familie war in den verschiedensten Konstellationen auch schon bei ihnen zu Hause auf Besuch.

Ich glaube, so bekommt man über die Freundschaften einen noch besseren Eindruck von Land und Leuten, als bei einem rein touristischen Besuch. Es hört sich zwar etwas großspurig an, aber diese Kontakte über die Grenzen hinweg dienen auch der Völkerverständigung. Ich bin froh, dass heute z. B. so viele junge Menschen sich zu freiwilligen Diensten in nahen und fernen Ländern aufmachen. Sie dienen damit den Freundschaften der Nationen.

von Ulrich Meyer-Spethmann

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