Veröffentlicht von Doris Hüls am Do., 25. Aug. 2016 09:07 Uhr

Es ist nicht gerade eine Schlagzeile, mit der das Neue Testament beginnt: Ausführlich zeichnet der Autor Matthäus erst mal Jesu Stammbaum nach – eine Aufzählung, die man meist nur überfliegt. Und das Beste dabei übersieht: die Lebensgeschichten, die Gott hier eingebaut hat.

Zum Beispiel die von Tamar. Eine Frau – zwischen lauter Männernamen, denn nur die zählten damals. Tamars Geschichte klingt wie aus einer RTL2-Talkshow (Lesen Sie mal 1. Mose 38!): Von ihrem Schwiegervater betrogen, gerät sie in Existenznot – und erkämpft sich selbst ihr Recht. Um das zu erreichen, begeht sie Täuschung, Rufmord, Ehebruch, Inzest. Sie handelt klug. Aber rühmlich ist ihr Weg nicht. Was denkt Gott über ihre Geschichte? Direkt gesagt wird das nicht. Aber am Ende bekommt Tamar Zwillinge – ein Zeichen für Segen, denn Kinder sind ein hohes Gut. Und noch mehr: Tamar und ihre Kinder werden in die Ahnengeschichte des Messias eingereiht. Da steht sie nun, irgendwo zwischen dem Glaubensvater Abraham und Jesus Christus, und noch heute kennen wir ihren Namen. Warum Tamar? Ich weiß es nicht. Aber ich finde das schön. Gott hält zu Tamar und macht sie groß. All unseren Vorstellungen von Gott, der Welt und wie sie laufen sollte, zum Trotz.
Dann ist da noch Rahab (Josua 2), eine Prostituierte in Jericho. Diese Stadt gehört damals nicht zu Israel: Die
Israeliten erobern gerade erst das Land, in dem sie später leben werden. Doch dazu müssen sie Jericho bezwingen. Zwei Kundschafter sehen sich deshalb in der Stadt um. Als Männer des Königs auf die feindlichen Spione aufmerksam werden, versteckt Rahab die beiden Israeliten und setzt die Verfolger auf eine falsche Fährte. Sie hat von diesem Gott gehört. Und sie weiß: Wer zu Israel hält, zu dem hält Gott. Auch sie geht in die Geschichte des Neuen Testaments ein: Noch über 1000 Jahre später rühmt Paulus Rahab als Glaubensvorbild. Als die Frau, die als Fremde Gott schon glaubte, als sein eigenes Volk Israel noch zweifelte. Und ihre Prostitution? Die ist einfach gar kein Thema. Rahab hat Gott geglaubt – und gehört dazu.

Und schließlich Rut (Rut 1-4). Auch sie ist keine Israelitin, sondern wohnt im Land Moab. Dort heiratet sie in eine israelitische Familie ein, die aber viel zu früh stirbt. Zurück bleibt nur ihre Schwiegermutter Noomi. Alt und voller Schmerz entscheidet Noomi sich, zurück nach Israel zu gehen. Und Rut – geht mit. Verlässt ihre Heimat, um in ein Land zu gehen, in dem sie eine Fremde sein wird. Und um ihre Schwiegermutter im Alter nicht allein zu lassen. Sie arbeitet hart, um sich und Noomi zu versorgen, aber ihre Treue wird belohnt: Rut gewinnt zunächst den Respekt eines angesehenen Mannes, dann seine Unterstützung, und schließlich ihn selbst – als Ehemann.

Es war nicht die Zeit der Frauen. Sie agierten im Hintergrund, zählten aus weltlicher Sicht nicht viel. Aber aus Gottes Sicht schon. Auch Tamar, Rahab und Rut erlebten Furchtbares. Aber Gott sah sie. Als Einzelne. Er kümmerte sich persönlich um sie. Er setzte ihnen sogar ein Denkmal. Nicht, weil sie Großes erreicht hatten. Nicht, weil sie alles richtig gemacht hätten. Sondern weil Gott sie geliebt hat.

von Karolin Eckstein

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