Veröffentlicht von Doris Hüls am Fr., 25. Nov. 2016 12:11 Uhr

Für viele beginnt hier das Heilig-Abend-Gefühl: Wenn sie am 24. Dezember in der Kirche sitzen und die ersten Worte der Weihnachtsgeschichte hören, wie sie im Lukas­evangelium steht. Was ist das Besondere an seiner Erzählung? Und wie beginnen die Autoren der anderen Evangelien ihre Berichte von Jesus?



Lukas, der Sozialpolitiker



Lukas ist davon beeindruckt, dass Jesus zu denen gegangen ist, die in der Gesellschaft hinten runtergefallen oder verachtet waren: Gescheiterte, Betrüger, Todkranke, Arme, Ausländer, Frauen. Das fängt schon mit der Weihnachtsgeschichte an: Gott selbst wird ein Außenseiter. Jemand, der in einem dreckigen kalten Stall geboren wird. „Das habt zum Zeichen“, sagen die Engel zu den Hirten, „ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen“. Gott erkennt man nicht am Heiligenschein. Sondern an den Windeln.



Matthäus, der Lehrer



Während Lukas vor allem von Maria erzählt, beschreibt Matthäus, wie Josef das alles erlebt: Wie er davon hört, dass seine Verlobte schwanger ist. Und zwar nicht von ihm. Wie er sich daraufhin von ihr trennen will. Und wie ein Traum dafür sorgt, dass heute doch noch eine Josefs-Figur in unserer Weihnachtskrippe steht.



Seit Jahrhunderten haben die Juden auf den Messias gewartet, den Retter Israels. Matthäus will vor allem die Lehrer unter ihnen überzeugen. Diejenigen, die den Tanach – unser Altes Testament – studiert haben. Vermutlich war er selbst einer, denn er kennt all die Vorhersagen über den Messias, die dort stehen. Und er baut sie in seine Erzählungen ein: Schaut mal, die Prophezeiungen, die treffen alle auf Jesus zu. Er ist der, auf den wir gewartet haben. So erfahren die drei Weisen aus dem Morgenland, als sie nach dem neugeborenen Jesus suchen: Der Geburtsort des Messias steht seit Jahrhunderten fest: Bethlehem.



Markus, der Regisseur



Und die Weihnachtsgeschichte bei Markus? Gibt es nicht. Er kommt gleich zur Sache und beginnt mit dem, was Jesus als Erwachsener erlebt. Mit Betonung auf dem Erleben: Während Matthäus gerne auch seitenweise schreibt, was Jesus gepredigt hat, erzählt Markus kurz und dicht, wie Jesus Menschen geheilt hat. Dadurch nimmt die Handlung Fahrt auf und spitzt sich zu – beinahe wie ein Theaterstück.



Johannes, der Nachdenkliche



Auch Johannes hat keine richtige Weihnachtsgeschichte – zumindest keine, die sich so schön in Holz schnitzen lässt wie die von Lukas. „Das Wort ward Fleisch“, beginnt Johannes, was schlicht heißt: Gott wurde einer von uns. Man ahnt es schon: Johannes hat eine philosophische Ader. Und doch kann er ganz bewegend und bodenständig von Begegnungen Jesu erzählen. Heilungen, die Markus in wenigen Zeilen abhakt, werden bei Johannes zu kleinen Beziehungsgeschichten (z. B. Joh 9). Aber dass Jesus zugleich Gott und Mensch ist – nicht halb halb, sondern beides ganz – das zieht sich bei Johannes durch.



Vielleicht ist das bei der Bibel ähnlich. Sie ist ganz Menschenwort: von Menschen geschrieben, die unterschiedlich sind in ihren Schreibstilen, ihren Erinnerungen, in dem, was ihnen wichtig an Jesus war. Und sie ist ganz Gotteswort: in ihrem Versprechen, dass er einer von uns geworden ist, um bei uns zu sein, mit uns zu fühlen und uns zu tragen.



von Karolin Eckstein

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