Veröffentlicht von Doris Hüls am Do., 19. Jan. 2017 10:59 Uhr

Alle drei Monate findet im Kloster Frenswegen ein so genanntes Taizé-Gebet statt. Jeder, der teilnehmen möchte, ist dazu eingeladen - hier trifft sich kein geschlossener Kreis. Was aber ist das, ein „Taizé-Gebet“? Warum wird dort so viel gesungen und so wenig gepredigt?

Frère Roger Schutz, Gründer und ehemaliger Prior des Ordens von Taizé, der vor elf Jahren 80jährig eines gewaltsamen Todes starb, schreibt zum Thema Gebet: „Viele Christen schöpfen im Gebet den Mut, verantwortliche Aufgaben zu erfüllen. Sie halten sich an die Quellen Christi und leben ihren Glauben als Wagnis.“

Gut protestantisch gehört für den reformierten Geistlichen Roger Schutz das Gebet mit dem Handeln zusammen. Als er 1945 seine „Communauté de Taizé“ – eine mönchische Gemeinschaft von Brüdern verschiedener Konfessionen – gründete, wollte er nach den verstörenden Erfahrungen des 2. Weltkrieges in ihr ein Gleichnis von Gemeinschaft leben, wie Christus sie gewollt hat. Im Zeichen der Versöhnung bot die Gemeinschaft zunächst besonders Kriegsgefangenen und Verfolgten Schutz. Da sich in der Nachkriegszeit Erwachsene und besonders Jugendliche aus vielen Ländern für dieses „Gleichnis“ zu interessieren begannen und es mitleben wollten, empfängt seit etwa 1960 die Communauté für jeweils eine Woche Gäste, die eingeladen sind, in Taizé mit den Brüdern den so genannten „Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde“ mitzugehen. Konkret heißt das, das drei Mal am Tag stattfindende „Gebet“ sowie Bibeleinführungen und einen Gedankenaustausch in Gruppen mitzuerleben und daraus neue Impulse für den eigenen Glauben und das Engagement „vor Ort“, also in der eigenen Heimatgemeinde, mitzunehmen. Dies ist auch der Grund, dass ein kleines Team hier in Nordhorn Taizé-Gebete anbietet. Die Taizé-Gebete unterscheiden sich von unseren sonstigen Gottesdiensten durch das Fehlen von Predigten. Gesungene Gebete wechseln sich immer wieder ab mit Bibellesungen, Fürbitten und kurzen gesprochenen Gebeten. Zentral ist eine lange Stille, oft mehr als fünf Minuten.

Diese Form der Andacht wurde mit Bedacht gewählt: Einfachheit, Freude und die Möglichkeit, ohne Üben gleich einstimmen zu können, sind kennzeichnend für das Gebet, denn Gott verlangt keine außerordentliche Leistung von uns. Und weil sein Gründer davon überzeugt war, dass der Gesang das gemeinsame Gebet auf unersetzliche Weise trägt, und dass Singen etwas ist, durch das uns Gott auch in schweren Stunden aufbauen kann, darum gehörten für ihn von Anfang an Singen und Beten ganz eng zusammen. Die Bruderschaft wählte aus den „Quellen des Glaubens“, also zum Beispiel aus Schriften Augustins („Lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht“), Mutter Theresas („Nada te turbe“) oder Bibelworten („Bless the Lord, my soul“) kurze Ausschnitte, die mit einfachen, aber besonders in der klangvollen Mehrstimmigkeit wunderschönen Melodien viele Male wiederholt gesungen werden. Übrigens zeigt sich schon in der Vielsprachigkeit der Lied-Titel, dass sich Taizé als internationale Betgemeinschaft sieht.

Wer sich auf diese Art des Betens eingelassen hat, kann zum einen erfahren, dass er sich von dem vollen Gesang um ihn herum getragen fühlt, der weitergeht, auch wenn er selbst schweigen möchte. Zum andern singen und klingen diese Worte in ihm weiter, wenn das eigentliche Gebet längst vorbei ist und der Tag ihn wieder hat. „Es betet“ in ihm weiter, mit all dem Erfreulichen und Tröstlichen, das damit verbunden ist.

Augustin hat das einmal so gesagt: „Es gibt eine Stimme des Herzens und eine Sprache des Herzens. Diese innere Stimme ist unser Gebet, so oft die Lippen verschlossen sind und unsere Seele offen vor Gott liegt. Wir verstummen, und unser Herz spricht; nicht in die Ohren von Menschen, sondern zu Gott. Sei gewiss, Gott kann dich hören.“

von Almut Sander

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