Veröffentlicht von Doris Hüls am Mi., 29. Mär. 2017 10:47 Uhr

CO: Lieber Ulrich Högemann, du bist seit 15 Monaten Pfarrer in der 2016 zusammengelegten Stadtpfarrei in Nordhorn. Vorher warst du sieben Jahre Pfarrer im Emsland, in Aschendorf und Umgebung. Dein Studium und deine Kaplanszeit hatten dich an viele verschiedene Orte geführt wie Dublin, Jerusalem und Bremen. Sei mit diesem Gespräch also noch einmal willkommen in der ökumenischen Vielfalt Nordhorns. Uns interessiert: Welche Bedeutung hat für euch als römisch-katholische Christen der Gründonnerstag?



UH: Der Gründonnerstag hat in der katholischen Kirche liturgisch eine große Bedeutung, denn mit diesem Tag beginnt das Triduum. So nennen wir das dreitägige Gedächtnis an das Leiden, Sterben und die Auferstehung Jesu Christi.

CO: In der evangelisch-lutherischen Kirche hören wir am Gründonnerstag die Lesung von der Einsetzung des letzten Abendmahls. Das Besondere: Wir feiern ein Tischabendmahl, das heißt wir sitzen während des Gottesdienstes an einer langen Tischreihe und teilen dort Brot und Wein. Statt einer Predigt gibt es eine Bildmeditation.



UH: Für uns ist am Gründonnerstag die Fußwaschung - so wie sie im Johannesevangelium im 13. Kapitel beschrieben wird - der liturgische Höhepunkt neben der Einsetzung der Eucharistie (Heilige Kommunion). Im Gegensatz zu den anderen Evangelien berichtet Johannes nämlich nicht vom letzten Abendmahl, sondern davon, dass Jesus während des Passahmahls seinen Jüngern die Füße wäscht. Er gibt damit beispielhaft ein Zeichen des Dienens und der Nächstenliebe.

CO: Was genau geschieht bei der Fußwaschung?



UH: Hier in der Augustinuskirche waschen der Pfarrer und Diakone im Altarraum sechs Gemeindemitgliedern die Füße. Früher waren es immer zwölf Männer. Sie sollten den Jüngerkreis symbolisieren. Während der Fußwaschung herrscht Stille oder es erklingt der Taize-Gesang „Ubi caritas et amor, deus ibi est“ (Wo Nächstenliebe und Liebe ist, da ist Gott). Das sind sehr intensive Momente für die Beteiligten, aber auch für die Gottesdienstgemeinde.



CO: Was steht hinter dieser Tradition der Fußwaschung?



UH: Nach dem Johannesevangelium wusch Jesus am Vorabend seines Kreuzestodes seinen Jüngern die Füße und trocknete sie mit dem Tuch, das ihn umgürtete. Das einander Dienen wird damit zum Beispiel gelingenden Lebens. „Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“, sagt Jesus. Für uns heißt das heute, dass wir als Christen zum Dienen bereit sein sollen. Viele Christen engagieren sich ja auch im karitativen Bereich wie im Besuchsdienst oder der Flüchtlingsarbeit.



CO: Papst Franziskus ist noch weitergegangen: Er praktiziert die Fußwaschung auch außerhalb der Kirche.



UH: Ja, er hat diesen Brauch erweitert und sucht am Gründonnerstag Gefängnisse oder andere Orte auf. Er wäscht Gefangenen, Obdachlosen und anderen die Füße, darunter auch Frauen und Mädchen, auch Nichtchristen sind darunter vertreten. Für ihn sind die Nächstenliebe und der Dienst am anderen über alle Grenzen hinweg eine grundlegende christliche Haltung.

CO: Was geschieht weiter?



UH: Nach der Fußwaschung feiern wir das letzte Mal vor Ostern Eucharistie. Die Orgel schweigt nach dem Gloria, ebenso legen die Messdiener die Schellen an die Seite. Stattdessen erklingen Klappern. Denn nun beginnt der Übergang in die Nacht des Verrates. Das ewige Licht wird gelöscht, der Altar abgeräumt und die geweihten Hostien, der Leib Christi, werden mit einer Prozession in die Kapelle der Anbetung hinausgetragen. Der Gottesdienst endet ohne Segen. Mit diesem liturgischen Ablauf verdeutlichen wir, dass Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern als Einheit, eben als Triduum, zu begreifen sind. Es herrscht Stille und Leere, aber es bleibt nicht dabei, denn am dritten Tag folgt Ostern. Alles wird dann feierlich wieder in die Kirche zurückgebracht: die neue Osterkerze, die geweihten Hostien, der Altarschmuck. Die Orgel erklingt wieder. Denn: Christus ist auferstanden.



CO: Vielen Dank für das Gespräch!

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