Veröffentlicht von Doris Hüls am Mi., 17. Mai. 2017 11:56 Uhr

„Ab 6 Jahre“ stand auf dem Puzzle, aber so lange wollte Nantje, zwei Jahre alt, nicht warten. Ich suchte also für sie die leichten Teile raus, und übernahm selbst die „schwereren“. Anfangs glaubte ich noch, meine Nichte bei ihrem kindlichen Spiel zu unterstützen und zu ermutigen. Als wir wenig später auf dem Autoteppich zwischen verstreuten Puzzleteilen saßen, gemeinsam im Karton wühlten und Teile ausprobierten, wurde mir klar: Es ist umgekehrt.

Ich liebe Puzzeln. Aber ich mache es nicht. Weil es nicht effektiv ist. Es bringt keinen Gewinn. Ein Bild zusammenstecken, das man hinterher wieder auseinandernimmt? Zeitverschwendung. So kam ich zum Stricken. Das entspannt auch, aber am Ende hat man was in der Hand. Man hat etwas geschafft.

Ich habe gelernt, dass Zeit knapp ist und ich sie gut nutzen muss. Das gilt auch und erst recht für die Freizeit, denn die ist ja besonders knapp. Man kann sie sinnvoll füllen oder sinnlos verschwenden. Sinnvolle Freizeitbeschäftigungen sind z. B. Sport machen, ein gutes Buch lesen, sich ehrenamtlich einsetzen, mal wieder Freunden schreiben, den Kleiderschrank ausmisten, den Garten auf Vordermann bringen, ein Instrument lernen. Nicht so sinnvolle Beschäftigungen sind Sudokus lösen, ziellos spazieren gehen, Serien gucken, lustige Sprüche auf WhatsApp verschicken, Fotos durchstöbern, Minesweeper spielen, Tag-träumen, bei Zalando seitenweise Schuhe durchschauen, die man nicht braucht und nie bestellt …

Wovon ist Freizeit eigentlich frei? Von Arbeit? Aber es gibt ja auch schöne Arbeit: Manche Leute entspannen sich beim Unkrautjäten. Und wenn das bei mir nicht so ist?

Ich google „Freizeit sinnvoll nutzen“. Stoße auf Tipps und Tricks zur Planung von Freizeit, auf Ratgeber zu Zeitmanagement und mehr Effektivität bei der Erholung. Und werde immer angespannter. Ich lese, dass Freizeit auf jeden Fall gut geplant sein muss, um gewinnbringend zu sein. Klare Regeln sind einzuhalten, wenn man am Montag gut erholt sein will. Nur so erreiche man mehr Lebensqualität und Zufriedenheit. Am Ende meiner Internet-Recherche bin ich gestresst. Freizeit sinnvoll zu nutzen ist offenbar richtig Arbeit. Erschöpft lehne ich mich zurück und denke ans Puzzeln mit Nantje. Und fange an zu ahnen: Freizeit ist vor allem frei von Effektivität. Von Gewinn. Von Ziel und Zweck. Davon, ein Ergebnis vorweisen zu müssen.

Eine Kollegin, die Mutter und berufstätig ist, schaut in ihren kurzen freien Zeiten – sofern sich welche finden – „Germany’s Next Topmodel“. Nicht, weil sie die Sendung gut findet. Sondern weil diese Sendung offensichtlich so sinnlos ist, dass sie sich damit klarmacht: Jetzt habe ich frei. Diese Zeit muss nichts bringen. ICH muss nichts bringen.

Vielleicht ist Freizeit dann am gewinnbringendsten, wenn es um keinen Gewinn geht. Vielleicht ist sie besonders dann sinnvoll, wenn sie es nicht sein muss. Zeit, in der es um die Zeit selbst geht und nicht um das, was am Ende dabei herauskommt. Weil wir dann loslassen können.

Astrid Lindgren schrieb einmal: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“ Als Kind weiß man das offenbar intuitiv. Wann habe ich das vergessen?

Von Karolin Eckstein

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