Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 29. Aug. 2017 12:13 Uhr

Luthers Haltung gegenüber den Juden beschäftigt die evangelische Christenheit weltweit, heute stärker denn je. Bei keinem der vorangehenden Luther- oder Reformationsjubiläen war dies in einem vergleichbaren Maße der Fall. Dies zu beklagen, besteht kein Anlass, denn das Thema ist wichtig. Warum?

Zum einen wird man bei der Beschäftigung mit dem Thema „Luther und die Juden“ gewahr, dass der Reformator seine Haltung zum Umgang mit Juden im Laufe zweier Jahrzehnte zwischen seiner das Zusammenleben von Christen und Juden bejahenden Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ (1523) und seiner ihre Austreibung fordernden Hasstirade „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) grundlegend veränderte. Zum anderen kann man feststellen, dass dies für seine zentralen theologischen Entscheidungen nicht galt.

1523 wie 1543 sah er die im Alten Testament enthaltenen Messiasverheißungen in Jesus von Nazareth erfüllt, setzte dem tötenden Buchstaben des Gesetzes den Geist des Evangeliums entgegen, betrachtete er die einstige Erwählung Israels als definitiv erledigt. Die unterschiedlichen ‚judenpolitischen’ Auffassungen des jüngeren und des alten Luther, die radikal gegenläufige Konsequenzen (Toleranz hier; Diskriminierung, ja Austreibung dort) zeitigten, waren nicht einfach die Folge seiner Theologie; sie ergaben sich aus völlig veränderten historischen Verhältnissen und einem gewandelten Zeitempfinden: Aus dem hoffnungsfrohen, die explosionsartige Ausbreitung ‚seines’ Evangeliums erlebenden Reformator war ein von der apokalyptischen Nähe des Gerichts bewegter, missmutig-depressiver Kirchenlehrer geworden. Was aus einer Theologie wird, liegt entscheidend an den Umständen und Kontexten, in die hinein sie wirkt.

Wichtig ist das Thema „Luther und die Juden“ auch, weil an ihm deutlich wird, dass tiefe, unversöhnliche Judenfeindschaft schon im frühen 16. Jahrhundert die Mitte der Gesellschaft prägte. Aber auch, wie schwierig, aber auch notwendig, differenzierte Bilder sind. Denn Luther gab einerseits den abgründigen Hass auf Juden unreflektiert weiter, andererseits kämpfte er wirksamer als jeder seiner Zeitgenossen dagegen, dass Juden wegen sogenannter Ritualmorde und Hostienschändungen in Pogromen hingerichtet wurden. Gegenüber Theologen wie Eck oder dem Humanisten Erasmus, die Judenfeinde aus einem Guss waren, verbindet sich mit Luthers Namen in Bezug auf die ‚Judenfrage’ eine Ambivalenz und Widersprüchlichkeit, die produktiv ist.

Gewiss – niemand, der die Grundwerte unserer Gesellschaft achtet, kann Luthers Judenhass billigen. Gewiss ist aber auch: jeder, der sich um ein differenzierteres Bild des 16. Jahrhunderts bemüht, wird erkennen, dass Luther beileibe nicht der schlimmste Judenfeind seiner Zeit war – auch wenn die Völkischen des 19. Jahrhunderts und die Nazis ihn als solchen stilisierten. Aus meiner Sicht bestand Luthers größtes Versagen im Verhältnis zu den Juden seiner Zeit darin, dass er – im Unterschied zu anderen reformatorischen Theologen wie Wolfgang Capito in Straßburg, Justus Jonas in Halle oder Urbanus Rhegius in Celle – seit den späteren 1520er Jahren das Gespräch mit Juden verweigerte und deshalb jede Chance verspielte, mit anderen Augen auf die gemeinsamen Texte des Bibel zu schauen. Darin liegt die wichtigste Lehre des wichtigen Themas: Allein das ggf. auch kontroverse Gespräch mit Menschen anderen Glaubens bewahrt vor Fanatismus und Hass.

Diese Aufgabe des Gesprächs mit den diversen Anderen ist auch uns gestellt; sie bewahrt uns vor dem moralischen Hochmut derer, die sich im Bekenntnis fremder Schuld ergehen.

von Prof. Dr. Thomas Kaufmann, Universität Göttingen

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