Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 29. Aug. 2017 17:44 Uhr

Ulrich Meyer-Spethmann (UMS) im Gespräch mit Cornelia (CP) und Luger (LP) Pietruschka

UMS: Liebe Cornelia, lieber Ludger - ihr lebt seit 1979 in Nordhorn und kommt ursprünglich aus Hamburg und aus Lingen. Ihr habt beide katholische Theologie in Münster studiert und arbeitet heute in unterschiedlichen Bereichen in unserer Stadt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass euch, Cornelia und Ludger, die Ökumene in Nordhorn sehr am Herzen liegt. Darum bin ich gespannt zu hören, was euch zum Thema Martin Luther umtreibt. Könnt ihr euch erinnern, wann euch der Name Martin Luther zuerst begegnet ist?


CP: Martin Luther spielte in meiner katholischen Sozialisation in der Hamburger Diaspora (ungefähr 7 % Katholikenanteil) keine Rolle. Sicher „kannte“ ich Martin Luther aus dem Religions- und Geschichtsunterricht, aber er hat mich in der Kinder- und Jugendzeit nicht wirklich interessiert. In der katholischen Kirchen-„Enklave“ in Hamburg besuchte ich zuerst eine katholische Grundschule und später das katholische Gymnasium. Später war ich sehr aktiv in der Jugendarbeit meiner katholischen Gemeinde.  „Evangelische“ waren für mich die, die meine Eltern mir als die vorstellten, „die nicht zur Kirche gehen“. Das war gleichbedeutend mit „keine richtigen Christen“. In Hamburg habe ich die evangelische Kirche in meinem Stadtteil nie betreten. Dass nach dem II. Vatikanischen Konzil die Liturgie in unserer katholischen Messe nicht mehr in lateinischer, sondern in deutscher Sprache gefeiert wurde, konnte ich zu dieser Zeit noch nicht als späte Frucht Martin Luthers erkennen.

LP: Ich habe kein Datum. Aber als ich im fünften Schuljahr auf das Gymnasium kam, begegnete mir in der neuen Klasse der Sohn eines lutherischen Pastors aus Lingen. Mit ihm (der selbst auch wieder Pastor wurde) bin ich heute noch in Kontakt. Als gebürtiger Emsländer habe ich bis zum Studienbeginn zwar den Namen „Martin Luther“ immer mal wieder (z. B. im Fach Katholische Religion) gehört. Aber bei uns zuhause wurde immer von den „Andersgläubigen“ gesprochen. Der mehr negative und defizitäre Beiklang dieses Wortes dürfte damals für mich wohl vorrangig gewesen sein. UMS: Cornelia, hast du dich in deinem Theologiestudium auch mit Martin Luther und der Reformation beschäftigt?

CP: Selbst in meinem Studium der katholischen Theologie haben mich andere Fragen als die nach der Ökumene beschäftigt. Meine eigene „Reformation“ begann erst in der Grafschaft Bentheim, in die wir 1979 als junges Ehepaar zogen. Dort erst offenbarte sich mir die Lebendigkeit und Besonderheit der verschiedenen Konfessionen. Das geschah durch das Kloster Frenswegen, vor allem aber durch Menschen der anderen Konfessionen, die ich kennen und schätzen lernte. Meine erste wichtige „Bekehrerin“ war meine Freundin Maria Hoffmann (jetzt verheiratete Spieß), die Diakonin in der lutherischen Kreuzkirchengemeinde war und mit der ich noch heute verbunden bin. Durch die Begegnung mit konfessionsverschiedenen Paaren in Ehevorbereitungskursen, die Ludger und ich im Kloster Frenswegen für die katholische Kirche angeboten haben, erfuhren wir von Gemeinsamkeiten, aber auch Schwierigkeiten in der Ökumene und gewannen Freundinnen und Freunde aus den verschiedenen Kirchen. Mit dieser Erfahrung gründeten wir einen ökumenischen Hauskreis, in dem wir bis heute den Austausch über die Konfessionsgrenzen hinweg pflegen. Ein weiterer wichtiger lebendiger Ort war für mich für viele Jahre das ökumenische Friedensgebet in Bookholt.

UMS: Ludger, was schätzt du an der Person Martin Luthers und was stört dich an ihr?

LP: Ich schätze an ihm seinen Mut zum Widerspruch. Kirchliche und staatliche Autoritäten hatten zur damaligen Zeit Mittel und Wege, um Menschen zum Schweigen zu bringen – und das endgültig. Das ist uns heute nach der Aufklärung und nach der Einführung von Demokratie und Gewaltenteilung vielleicht nicht mehr so bewusst. Sobald der Schutz des damaligen Landesherrn nicht mehr bestand, waren Menschen wie Luther „vogelfrei“. Das sehe ich mit allergrößtem Respekt. Dass mich an ihm etwas stören könnte, habe ich in den letzten 40 Jahren nicht bemerkt. Die Diskussionen um den Umgang mit Bauern, Juden oder Behinderten halte ich vor allem für Historiker interessant. Die heutigen lutherischen Kirchen und Gemeinschaften sehe ich nicht in einer solchen Tradition. UMS: Cornelia, hat sich deiner Meinung nach die Rolle der Frau auch in der katholischen Kirche durch die Reformation und das Wirken von Martin Luther gewandelt? Und hat dich insbesondere der Lebensweg Katharina von Boras, der Frau an Martin Luthers Seite, beeindruckt?

CP: Die feministische Theologie, in der so viele evangelische Theologinnen vorangingen, war ein wichtiger Zugang für mich. Sie wäre ohne die Reformation nicht möglich gewesen. In der ökumenischen Arbeit des Forums „Frauen und Kirche“ haben wir gemeinsam mit Frauen verschiedener Konfessionen uns u. a. auch mit Katharina von Bora beschäftigt, aber auch mit der Entwicklung der Frauenordination in den evangelischen Kirchen. Auch in der katholischen Kirche hat sich die Rolle der Frau - sicher auch durch die Auswirkungen der Reformation - gewandelt. Ich persönlich beneide euch um die Pastorinnen. Und ich freue mich, ihnen in ihrem Amt dort zu begegnen, wenn sie predigen und agieren.

UMS: Die Erinnerung an die 500 Jahre Reformation ist in allen Medien in diesem Jahr präsent und an vielen Orten gibt es Veranstaltungen dazu. Findest du, Ludger, dass das angemessen ist oder stört dich mittlerweile diese ständige „Feierei“?

LP: In deiner Fragestellung finde ich die beiden Deutungsansätze dieses Datums wieder: „Gedächtnis/Erinnerung“ und „Feierei“. Ich muss akzeptieren, dass sich das Datum 31.10.1517 für lutherische ChristInnen anders anhört als für KatholikInnen. Und ich glaube, dass es auch reformierte ChristInnen wieder anders wahrnehmen. Aber ich kann gut akzeptieren, dass es für euch viel mit der eigenen kirchlichen Identität zu tun hat. Deshalb solltet ihr es auch gerne und von Herzen „Feier“ nennen.

UMS: Martin Luther hatte mit seiner Kritik an der damaligen Kirche nicht eine Kirchenspaltung herbeiführen wollen. Glaubt ihr, dass die Entzweiung von Protestanten und Katholiken irgendwann überwunden werden kann? CP: Mir ist die Aufhebung der Spaltung nicht das Wichtigste. Die Geschichte hat verschiedene Ausprägungen von Kirche mit sich gebracht, die ich auch schätze. Aber wenn die gegenseitige Einladung zum Abendmahl und zur Eucharistie erreicht würde und auch in meiner Kirche Frauen zu Pastorinnen ordiniert würden, rückten wir uns wirklich näher. Aber wie ich die „Meinen“ kenne, braucht dies alles viel, viel Zeit. Und ich bin besorgt, dass die Entwicklung, dass immer weniger Menschen im Glauben in Zukunft noch eine Hilfe zum Gelingen ihres Lebens suchen, die ökumenischen Fragen überholt.

LP: Selbstverständlich hatte er nicht die Spaltung herbeiführen wollen. Das sind historische und ziemlich vielschichtige Entwicklungen, an denen ja auch die katholische Kirche, zum Beispiel durch das Trienter Konzil (1545-1563), einen großen Anteil hatte. Die „Entzweiung“, wie du fragst, ist für mich eigentlich spätestens nach dem 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) erstens zum Stillstand gekommen und zweitens in den letzten 50 Jahren kontinuierlich weiter abgebaut worden. Was uns im Moment noch fehlt, ist die volle Anerkennung der Kirchen und Bekenntnisse untereinander, so wie ihr es in den Kirchen der Reformation schon seit 1973 in der Leuenberger Konkordie habt, also die volle Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft. Die hier vor allem noch nicht gelöste Amtsfrage müssen wir in unserer Kirche lösen, weil uns das Zeugnis Christi dazu drängt (vgl. Joh 17,21).

UMS: Ich danke euch beiden herzlich für unser Gespräch.

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