Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 28. Nov. 2017 17:59 Uhr

Wäre Luther heutzutage in ähnlicher Weise kreativ und produktiv wie vor 500 Jahren, hätte er beträchtliche Schwierigkeiten – weil er unbekümmert Urheberrechte verletzen würde. Ihn interessierte es überhaupt nicht, was in dem ursprünglichen Text vermittelt werden sollte, es kam darauf an, die Inhalte des Evangeliums deutlich zu machen. Und wenn er dazu eine eingängige Melodie hatte, so verwendete er diese gleich mit. Ein sehr gutes Beispiel für diese Praxis ist das Weihnachtslied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“: Dieses Lied war ein bekanntes Kranzlied, bei dem Kontakte zwischen Jungen und Mädchen hergestellt wurden: Die Mädchen stehen im Kreis und tragen einen selbst geflochtenen Kranz. Einer der Jungen tritt in den Kreis und singt ein Lied in Form eines Rätsels. Dann tritt er vor ein Mädchen, das ihn anzieht. Sie muss nun das Rätsel lösen. Kann sie das nicht, muss sie dem Jungen ihren Kranz geben und die beiden sind sozusagen ein Paar. Die Lieder der Jungen waren manchmal ganz lieb, oft aber auch derb mit erotischen Anspielungen.

Ich kumm aus fremden Landen her
und bring euch viel der neuen Mär
der neuen Mär bring ich so viel
mer dann ich euch hie sagen will.
Der ander ist so tugentreich
Gott gebe euch sein Himmelreich
Der dritte ist so tugenthaft
Gott bhüt euch eure Jungfrauschaft


Daraus machte Luther ein Weihnachtslied für seine Kinder:

Vom Himmel hoch, da komm ich her.
Ich bring’ euch gute neue Mär,
Der guten Mär bring ich so viel,
Davon ich singn und sagen will.

Dies Lied war bekannt - heute würden wir sagen: ein „Schlager“. Zu Luthers Zeiten sagte man „Gassenhauer“. Luthers Kinder konnten also sofort mitsingen. Auch wenn dieses und andere Lieder verbreitet werden sollten, wurde lediglich der deutsche Text verbreitet und angesungen. Mitsingen konnte jeder - sehr zum Ärger der „altgläubigen“ Katholiken. In Magdeburg zum Beispiel wurden die Textverbreiter verhaftet und ausgewiesen. Der Bürgermeister der Stadt Lemgo richtete seinem Landesherrn Simon V. ganz aufgeregt aus: „Die Protestanten sind da.“ Da fragte der Landesherr: „Singen sie schon? Dann sind wir verloren!“

In der Zeit vor Luther wurde in der Kirche von der Gemeinde nur auf Latein gesungen, vor allem die Liturgie und gregorianische Gesänge. Zwar gab es einige wenige deutsche geistliche Lieder. Doch die wurden vor der Kirche gesungen. In der Kirche war dies verboten.

Luther hatte schon sehr früh eine starke Neigung zum Singen. Als Schüler war er mit Freunden als Kurrende-Sänger in Magdeburg und Eisenach unterwegs gewesen, um sich Geld oder Mahlzeiten zu verdienen. Sie zogen von Haus zu Haus und sangen. Schon zu seinen Lebzeiten war Luther bekannt wegen seines Singens. Er wurde vom Meistersänger Hans Sachs die „Wittenbergische Nachtigall“ genannt.

Luther spielte auch Instrumente - vor allem sein Lautenspiel wurde gerühmt. Schon bei seiner Bibelübersetzung ins Deutsche war er gewohnt, „dem Volke aufs Maul zu schauen“. Dies tat er auch im Hinblick auf die Lieder, die von der Gemeinde im Gottesdienst nun auf Deutsch gesungen wurden. Und natürlich sollte und musste umso mehr gesungen werden, als er davon überzeugt war, dass „wer singt, doppelt betet“. Wiederholt forderte er seine Mitreformatoren auf, Lieder für den Gottesdienst zu schreiben. Der Erfolg war nicht überzeugend, also setzte er sich selber hin und schrieb mehr als 40 Kirchenlieder. Noch heute finden wir 34 davon in unserem Gesangbuch. Viele von ihnen sind Klassiker, etwa „Ein feste Burg ist unser Gott“. Auch im katholischen Gesangbuch finden wir Lutherlieder.

Luthers Liebe zum Singen hat sich bis in die Gegenwart erhalten: so wurden von der Evangelischen Kirchengemeinde in Prenzlau vom 29.-31. Oktober alle Lieder des Evangelischen Gesangbuches ohne Pause durchgesungen (immerhin 535 Lieder) - wahrscheinlich ein Weltrekord im Dauersingen und Eintrag in das Guinnessbuch der Rekorde. Schade, ich hätte gerne Luthers Meinung dazu – etwa in seinen Tischreden – erfahren.

Auch eine andere „Technik“ Luthers im Umgang mit Texten und Melodien gibt es heute noch. Das wohl bekannteste Jugend-Liederheft, die „Mundorgel“ (CVJM), war deshalb so preiswert, weil die Texte der Lieder leicht verändert wurden. Ähnlich verhält es sich mit dem Liederbuch „Der helle Tag“ von den Christlichen Pfadfindern (CPD). Hier wurden zahlreiche Lieder einfach „zurecht gesungen“. Das geschah deshalb, um die Urhebergebühren zu sparen – also gleiche Technik, anderes Motiv.

von Hartmut Schwartz

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