Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 27. Mär. 2018 18:31 Uhr

Der Klimawandel ist ein weltumspannendes Problem und aufgrund dieser Sachlage mag manch einer denken: Was geht es mich an? Ich kann dagegen sowieso nichts tun. Um diesen Umstand mit der ihm gebotenen Tiefe zu diskutieren, sind ein paar Einordnungen hilfreich. Klimawandel hat es in der Erdgeschichte schon immer gegeben und die Schwankungen der Temperatur waren zum Teil bedeutend größer. So betrug der Temperaturanstieg am Ende der letzten Eiszeit (vor ca. 12 000 Jahren) ca. 6° C. Allerdings vollzog sich dieser Anstieg in mehr als 3 000 Jahren. Solche Veränderungen werden unter dem Begriff „geohistorischer Klimawandel“ zusammengefasst.

Im Gegensatz dazu sprechen wir von den heute beobachtbaren Veränderungen vom menschgemachten Klimawandel. Dieser kommt zu Stande, weil der Mensch durch die Verbrennung von Öl, Gas und Kohle, aber auch durch Landkonversion (z.B. Wald in Ackerland) Treibhausgase, wie z.B. Kohlendioxid (CO2), in die Atmosphäre freisetzt. Diese Treibhausgase fangen Strahlungsenergie von der Sonne ein und halten sie in der Atmophäre fest. D.h., erhöht man deren Konzentration, hat das auch eine Erwärmung zur Folge. Die Erkenntnis, dass es diesen Effekt gibt, ist nicht neu. Bereits in den 1820er Jahren hat J. B. Fourier (eigentlich bekannt als Mathematiker) den Treibhauseffekt entdeckt. Durch einfache Abschätzung der Strahlungsabgabe der Sonne und der Berücksichtigung des Abstandes der Erde von der Sonne fand er heraus, dass die Erde wärmer war, als sie hätte sein dürfen. Um 1885 hat dann Svante Arrhenius (Nobelpreis für Chemie) bereits berechnet, dass die globale Temperatur um 4-5°C steigen könnte, wenn wir die CO2 Konzentration in der Atmosphäre verdoppeln würden. Zu dieser Zeit hat das allerdings niemand als Bedrohung wahrgenommen, denn ein warmes Klima wurde allgemein als gut für die menschliche und technologische Entwicklung angenommen. Und so hat sich dann auch seit dem Beginn der Industralisierung die Mitteltemperatur der Erde um mehr als 1°C erhöht. Diese Erwärmung ist - wie umfangreiche Computerexperimente zeigen - nur durch menschliche Aktivitäten erklärbar (Erhöhung der CO2 Konzentration in der Luft um ca. 40% seit 1850). Die Einsicht aber, dass bereits kleine Veränderungen große Wirkungen haben können, hat sich erst in den 1980er Jahren gefestigt, nachdem sich das Verständnis über erwartbare Klimawirkungen massiv erhöht hat. Aber was ist so schlimm daran, dass wir womöglich nicht mehr Skifahren können, weil der Schnee in den Bergen ausbleibt, oder dass die Sommer wärmer und trockener werden? Eines der Probleme ist ein vermehrtes Auftreten von Extremereignissen. Diese verursachen auch in einem reichen Land wie Deutschland hohe Schäden. Und ob wir den Veränderungen ausreichend angepasst sind, ist vielfach noch unklar. In 2002 und 2013 hatten wir z.B. zwei „Jahrhundertereignisse“ (Flutereignisse) im Elbegebiet (2002: 14 Mrd. €; 2013: ca. 11 Mrd. € Schaden) im Abstand von nur 11 Jahren. In Berlin hat es im vergangenen Sommer extreme Niederschläge gegeben, die die Infrastruktur, z.B. die Kanalisation, an ihre Grenzen gebracht haben. Der Sturm Kyrill in 2007 verursachte ca. 10 Mrd.€ volkswirtschaftliche Schäden. 2003 hat die Hitzewelle in Europa 70 000 zusätzliche Todesopfer gefordert. Diese Liste könnte man fortsetzen, aber eine Botschaft ist unausweichlich, neben der langsamen Klimaerwärmung („Klima“ ist das 30jährige Wettermittel) kommt es zunehmend auch zu immer extremeren Wettersituationen, die immense Kosten verursachen können.

Dies ist jedoch nicht das Ende der Geschichte: 2015 hat eine Forschergruppe der NASA bei der Auswertung von Wetterdaten der letzten 900 Jahre für den Mittelmeerraum festgestellt, dass im östlichen Mittelmeer und der Levante seit ca. 10 Jahren eine außerordentliche Trockenheit herrscht. In der gleichen Zeit haben dort viele in der Landwirtschaft beschäftigte Menschen ihr Einkommen verloren  und es hat eine zunehmende Migration in die Städte stattgefunden. Syrien liegt z.B. in der Levante. Man kann zwar nicht so weit gehen, dass diese extreme Dürre den syrischen Konflikt ausgelöst hat. Sie hat ihn aber befördert.  Damit sind wir beim Kern des Problems. In Ländern wie Deutschland hilft der solidarische Kitt in unserer Gesellschaft bei der Bewältigung der Folgen. Beipielsweise stellte die Bundesregierung 8 Mrd. € Aufbauhilfe nach dem Elbehochwasser 2013 bereit. In weniger entwickelten Ländern, wie z.B. in Südostasien oder Afrika ist diese Kapazität zur Bewältigung von Klimafolgen schlicht nicht gegeben. Hier werden die Menschen gehen, wenn ihnen durch Wetterkapriolen die Lebensgrundlagen entzogen werden. Wenn also Extremereignisse zunehmen, und das tun sie global gesehen, werden auch Migrationsströme größer und wir werden uns davor nur bedingt wappnen können. Unabhängig von Wetterextremen sind in diesen Ländern oft auch ganze Sektoren (z.B. Landwirtschaft, Wasserwirtschaft) durch die langsam ansteigende Temperatur oder sich verändernde Niederschlagsmuster bedroht. Dies gefährdet auch die globale Sicherheit, denn ausbleibende Ernten, Wassermangel, Migrationsströme, Überflutungen etc. bedrohen auch die Funktionalität von Institutionen oder Staaten. Wieviel einfacher wäre es da, diese Länder fit zu machen für die Dinge, die da kommen. Ihnen also die Möglichkeit zu geben, sich den Folgen besser anzupassen. Es braucht mehr internationale Solidarität als weniger, mehr Kooperation anstatt weniger, um diese weltumspannenden Probleme zu lösen. Unilateralismus kann also keine Antwort für die Probleme des 21. Jahrhunderts sein. Deshalb ist z.B. auch eine trumpsche Politikphilosophie, wie sie zurzeit in den USA exekutiert wird, oder auch der Politikansatz der AfD in Deutschland nicht zielführend. Die simple Behauptung, ein Klimawandel existiere nicht, stellt gerade nicht ein gesellschaftlich besonnenes Verhalten dar und ist vor allem nicht wissenschaftlich unterlegt. Wer mit solchen in die Irre führenden Darstellungen und einfachen Lösungsansätzen Probleme lösen will, die sich offensichtlich nur global lösen lassen, diskreditiert sein Verantwortungsbewusstsein eindeutig. Und so versuchen wir dann auch mit klimapolitischen Mitteln die menschgemachte Erderwärmung auf unter 2°C gegenüber der vorindustriellen Mitteltemperatur (ca. 1850) zu begrenzen, weil nur dann die Klimafolgen für die globale Zivilisation einigermaßen bewältigbar bleiben. Dies bedeutet aber, dass Emissionen nach 2020 nicht mehr steigen, sondern mit mindestens einer Rate von 3.5% pro Jahr gesenkt werden müssen. Ansonsten droht eine Erwärmung von 4-6°C bis 2100. Und vergleicht man diese Änderungen mit denen am Ende der letzten Eiszeit vor 12 000 Jahren, laufen diese um mindestens den Faktor 10, wenn nicht um den Faktor 20 schneller ab. Die Frage ist also berechtigt, ob wir auf einen solch schnellen Wandel vorbereitet sind.

Das Gute ist, dass - trotz einer teilweise rückwärts gewandten Politik - global die Erkenntnis reift, dass das fossile Erdzeitalter vorbei ist und Lösungen gemeinsam angegangen werden müssen. Der Vertrag von Paris aus dem Jahr 2015 ist ein hoffnungsvolles Zeichen, aber ein bei weitem noch nicht ausreichendes. Viele Barrieren müssen noch ausgeräumt werden, so z.B. die Frage von angemessenen Kompensationen für Klimaschäden in den Ländern des Südens, welche aber durch die Wirtschaftsweise des Nordens verursacht wurden. Dennoch leisten auch die Entwicklungsländer heute ihren Beitrag zum Klimaschutz, denn er ist eine globale Gemeinschaftsaufgabe. Trotzdem werden Klimaschutzziele bisher viel zu langsam umgesetzt, als dass in vielen Regionen nicht mit Folgen zu rechnen wäre. Wir müssen uns also anpassen und gleichzeitig Schlimmeres verhüten. Dies heißt: Der Einstieg in eine kohlenstoffarme bzw. -freie Welt ist unausweichlich und in den armen Ländern muss die Widerstandskraft gegen die erwartbaren Folgen erhöht werden. Gleichzeitig müssen wir mit unseren Ressourcen schonender umgehen, um am Ende dieses Jahrhunderts eine für alle Menschen lebenswerte Welt sicherstellen zu können. Denn wollten 2050 vielleicht 9 Mrd. Menschen so leben wie wir heute, wird die planetare Zukunft der Spezies Mensch nicht nachhaltig sein. Aus Gründen der Gerechtigkeit und Solidarität wird unser zukünftiges Leben deshalb anders aussehen (müssen). Das fossile Zeitalter ist vorüber und die Form, wie wir leben, produzieren, arbeiten und konsumieren, wird sich nachhaltig verändern. Dies mag als Bedrohung wahrgenommen werden. Sie ist es aber tatsächlich nur, wenn sich die Menschheit dieser Herausforderung nicht stellt. Sie ist alternativlos, wenn alle Menschen auf der Erde eine lebenswerte Zukunft haben wollen.

Prof. Dr. Jürgen P. Kropp
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Kategorien Themenschwerpunkt