Veröffentlicht von Doris Hüls am Mi., 22. Aug. 2018 09:10 Uhr

Zu einem Glaubensgespräch treffen sich Pfarrer Ulrich Högemann und Pastor Thomas Kersten in der St. Augustinuskirche. Ihr gemeinsamer Blick richtet sich auf die Maria. Hier kann man knien und im Rahmen seiner eigenen Andacht eine Kerze anzünden.

Wie ist das mit der Maria? Warum ist sie für römisch-
katholische Christen so bedeutsam?


Die Bedeutung der Marienverehrung erwächst aus der Nähe der Beziehung zwischen Maria und Jesus, die uns in der Heiligen Schrift an vielen Stellen überliefert ist. Maria spielt im Leben Jesu eine wichtige Rolle. Von der Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel bis hin zur Kreuzigung Jesu, von der Hochzeit zu Kana bis hin zur Aussendung des Heiligen Geistes nach der Himmelfahrt Jesu: Maria war einfach da. Ihre Präsenz, ihre wenigen Worte, ihre aus dem persönlichen Glauben erwachsende Offenheit für Gottes Wege mit all seinen Überraschungen lassen sie für uns zu einer tiefen Quelle spirituellen Lebens und spiritueller Grundhaltungen werden. Von Maria ist uns mit dem Magnificat (Lk 1, 46-55) auch einer der schönsten Gebetstexte des Neuen Testamentes überliefert worden.

Wir ehren Maria als Mutter der Kirche und Schwester im Glauben. Unzählige Menschen vertrauen sich auf ihrem  Lebens- und Glaubensweg immer wieder der Gottesmutter an. Ein Zeichen dafür sind die vielen Kerzen, die in den Kirchen vor dem Bild einer Muttergottes entzündet werden. In der Kirche ist über die Jahrhunderte eine reiche Marien­frömmigkeit entwickelt worden - weniger von oben verordnet, als vielmehr von unten gewachsen: zu nennen wäre z.B. das kostbare Gebet des „Ave Maria“ oder auch das meditative Rosenkranzgebet, das uns durch Maria zu den Geheimnissen des Lebens Jesu führt und so eher ein Christusgebet ist; zu nennen wären die Maiandachten, die uns helfen, die Hoffnung auf neues österliches Leben für die ganze Schöpfung groß zu halten; zu nennen wäre sicher auch das Wallfahrtswesen: Maria hilft uns, an vielen besonderen geistlichen Orten, wie z. B. Wietmarschen, zu einer betenden und hoffenden Kirche zu werden.
 
In der katholischen Kirche werden die verschiedenen Aspekte aus dem Leben Mariens immer wieder in Festen und Feiern bedacht und beleuchtet. So feiern wir das Fest der Verkündigung des Herrn am 25. März, den Gedenktag Mariä Geburt am 8. September, Mariä Namen am 12. September oder auch Mariä Aufnahme in den Himmel am 15. August.

Wäre es nicht folgerichtig, glaubensstarken Frauen das Priesteramt zu ermöglichen?

Ohne der Frage ausweichen zu wollen: ein solcher unmittelbarer „folgerichtiger“ Zusammenhang zwischen der hohen Bedeutung Mariens für die Christen bzw. für die katholische Kirche und der Zulassung von Frauen zum Priesteramt besteht in der Lehre der Kirche nicht. Wenn allerdings das Priesteramt eine Auszeichnung für „glaubensstarke Persönlichkeiten“ wäre (was es gottlob nicht ist), dann müssten tatsächlich sehr viel mehr Frauen als Männer diese Aufgabe übertragen bekommen, denn oft sind sie (ganz unabhängig von der Weihe) die ersten Zeugen, besser Zeuginnen, des österlichen Glaubens in der Familie oder auch in den Kirchengemeinden - ganz in der Tradition der heiligen Maria Magdalena, die Papst Franziskus 2016 ausdrücklich als „Apostelin der Apostel“ gewürdigt hat. Unabhängig von der Bedeutung Mariens in der Kirche wird in der Kirche seit längerer Zeit theologisch die Frage nach dem Diakonat der Frau debattiert.
 
Wie beflügelt Maria deinen persönlichen Glauben?

Ich bin in meiner Familie und meiner Heimatgemeinde mit den unterschiedlichen Formen gelebter Marienfrömmigkeit groß geworden. Das Rosenkranzgebet gehört für mich seit Kindesbeinen genauso dazu wie verschiedene Wallfahrten im Laufe des Kirchenjahres. Gerade das jahrhundertealte Bild der „Schmerzhaften Mutter von Telgte“, meinem Geburtsort, hat mich sehr geprägt. Die jährliche Wallfahrt dorthin mit vielen tausend Fußpilgern ist für mich immer wieder einer der Höhepunkte im Jahr. Die Pieta, so nennen wir das Bild der Mutter, die ihren toten Sohn auf dem Schoß hält, strahlt in aller Bedrängnis und Not sehr viel Trost und Gelassenheit aus.

Verschiedene Gebete helfen mir, dem Tag mit Maria eine geistliche Struktur, ein geistliches Gerüst zu geben. Neben dem Magnificat, das wir abends in der Vesper beten, ist es auch der „Engel des Herrn“, ein Gebet, das das Geheimnis der Menschwerdung Gottes bedenkt. Dazu läutet bei uns dreimal täglich die Glocke und lädt zum Gebet ein (morgens um 7.00 Uhr, mittags um 12.00 Uhr und abends um 18.00 Uhr). Gerne gehe ich im Laufe des Tages einfach mal in die Kirche, um bei Maria eine Kerze anzuzünden und ein wenig auszuruhen.

Hier in Nordhorn habe ich das Fest „Mariä Himmelfahrt“ neu zu schätzen gelernt. Wir feiern dann immer einen Gottesdienst unter freiem Himmel im Garten der Euregio-Klinik ganz nahe bei den Kranken - manchmal auch, wenn sie die Fenster öffnen, mit den Kranken. Dieser Tag ist ein Hoffnungsfest für alle Christen. Die Aufnahme Mariens sagt uns: wir sind zur Herrlichkeit berufen! Der Himmel ist nicht leer und nicht nur für die anderen bestimmt.

Und noch ein Gedanke: für mich persönlich sind viele Marienlieder und Litaneien aus meinem persönlichen Glaubensleben nicht wegzudenken. Ich singe sie einfach gerne, weil sich die gläubige Erfahrung Menschen vieler Generationen in den Texten und Melodien widerspiegelt. Hier in Nordhorn z. B. habe ich die „Grafschafter Marienhymne“ „Sieh uns hier zu deinen Füßen“ kennen und schätzen gelernt. Gerade auch für die Marienlieder gilt: Wer singt, betet doppelt!

Maria war sehr jung, vielleicht 14 oder 15 Jahre alt, als sie schwanger wurde. Welche seelsorgliche Unterstützung bietet die katholische Kirche, wenn (junge) Frauen oder Teenager schwanger werden?

Die Bedeutung Mariens führt uns tatsächlich auf eine spirituelle und zugleich praktische Spur in unserem christlichen Glaubensleben. Das Magnificat, der Lobgesang Mariens, enthält ein nahezu „politisches Programm“ dafür, wie wir uns für Menschen in Not einzusetzen haben. Marienfrömmigkeit und der Einsatz für das Leben in seinen vielfältigen Bedrohungen gehören unbedingt zusammen. Im konkreten Fall der Teenager-Schwangerschaften gibt es seit einigen Jahrzehnten bereits wirksame Hilfe in unserem Bistum durch den bischöflichen Fonds „Mütter in Not“. Jährlich wird für diese Arbeit in allen Gemeinden, auch in Nordhorn, eine Kollekte gehalten. Das Geld kommt vor allen Dingen jungen Frauen zugute, die so ermutigt werden, ihr Kind auszutragen. Wichtiger als die finanzielle Unterstützung ist der menschliche Zuspruch. Die katholische Kirche ist z. B. durch einige ihrer Fachverbände (Caritas, Sozialdienst kath. Frauen etc.) in der Beratung und Unterstützung junger Frauen und Mütter engagiert. Seelsorge und praktische Hilfe, bis hin zur „Babyklappe“ oder dem Frauen- und Kinderschutzhaus, reichen sich hier die Hand. Auch die Arbeit in unseren Kindertagesstätten oder der Pfarrcaritas versteht sich als wirksame Hilfe und Unterstützung für junge Familien oder auch alleinerziehende junge Mütter.

Vielen Dank für das Gespräch.

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