Veröffentlicht von Doris Hüls am Mi., 22. Aug. 2018 09:27 Uhr

Alle drei haben sich entschieden – für die Ausbildung zum Lektor der evang.-lutherischen Kirche. Lektoren leiten selbstständig einen lutherischen Gottesdienst. Die Predigten, die sie halten, sind von Theologen geschrieben und werden von den Lektoren vorgetragen. Die Ausbildung umfasst fünf Wochenenden mit jeweils zehn Stunden. Sebastian Hamel (SH), Henning Kammer (HK) und Jürgen Reichle (JR) stellten sich in einem gemeinsamen Interview den Fragen von Pastor Holger Schmidt.

Was bedeutet euch persönlich der christliche Glaube?

SH: Für mich hat der Glaube drei Aspekte. Das erste ist: Behütet sein, wenn alles am Rad dreht, wenn das System versagt, so eine Art Anker in der technologieorientierten Welt. Das zweite: Ein wohliges Gefühl. Glauben stiftet Gemütlichkeit. Und das dritte: Sich Rituale der Vergewisserung schaffen. Mit Gebeten, Liedern, bestimmter Musik - vielleicht am Abend - schafft man sich besondere Momente, wo man den Glauben lebt und erlebt. Man denkt ja nicht jeden Moment an Gott.

JR: Glaube ist für mich primär Suchen. Suchen nach Wahrheit, Erkenntnis, Zielen und natürlich die Suche nach Gott selbst. Das Besondere daran ist: Es bleibt nichts statisch, es bleibt immer im Fluss. Mein Glaube will jeden Tag, jede Stunde neu erarbeitet, erkämpft oder auch als Geschenk erwartet werden. Ich schätze die verlässliche Kraft z. B. des 23. Psalmes sehr.

HK: Für mich ist der christliche Glaube ein Anker, der meinem Leben einen festen Halt gibt.

Warum lebt ihr gerade den christlichen Glauben und nicht eine andere Religion? Und warum seid Ihr in der lutherischen Konfession?

HK: Schon zu Schulzeiten erlebte ich für mich eine Person als zentral in meinem Leben: Martin Luther. Der hat mich mitgenommen – sein Mut, seine Art, was er alles gemacht und wie intensiv er gewirkt hat, seine menschlichen Schwächen und die Scharfsinnigkeit faszinieren mich. Als gewisses Vorbild bewundere ich ihn und zehre heute noch von seinen damaligen Gedanken. Von daher kommt für mich nur der christliche, lutherische Glaube in Betracht.

SH: Wenn man ehrlich ist: man ist in diesen Glauben hineingeboren, ist so erzogen worden: durch KiTa, Eltern und Verwandte sieht man die Welt aus einer gewissen Perspektive. Und ich bin noch nicht von dieser Kirche enttäuscht worden. Meines Erachtens hält die lutherische Kirche die Waage zwischen dem (Be)Wahren der Werte und der Öffnung zum aktuellen Zeitgeist.

Wo bzw. in welcher Situation hat euch der christliche Glaube geholfen?

JR: Oft im Nachhinein erkenne ich diese Situationen. Wenn ich auf der Suche bin, wenn ich mit Gott im Gebet rede oder mit Gott selbst ringe, ist das weniger der Fall. Erst später - im Rückblick - erkenne ich die Begleitung Gottes in den damaligen Wegpunkten und Momenten.

HK: Ich habe mehrere schwierige Situationen in meinem Leben erlebt, wo ich Bewahrung, wo ich direkte Hilfe von Gott erfahren habe. Die Stoßgebete zum Himmeln helfen in kritischen Situationen, obwohl man nicht immer die Erfüllung erwarten sollte.

Ihr habt euch alle für die Ausbildung in den Lektorendienst, die öffentliche Verkündigung von Gottes Wort als Ehrenamtlicher, entschieden. Welche Rolle hat der christliche Glaube bei dieser Entscheidung gespielt?

HK: Ich habe unheimlich viel Freude an den Bibellesungen im Gottesdienst. Es gibt viele spannende Geschichten in der Bibel, die mich packen. Außenstehende haben mich bestärkt, dass ich das gut mache, dass ich leidenschaftlich und ansprechend lese. Ich bin sozusagen Lektor (Leser) im ganz wörtlichen Sinne. Das will ich weiter entwickeln.

SH: Das ist wie bei einem Film: Ich möchte nicht den Film alleine, sondern (mit-)teilend einen Film schauen, ihn möglichst zusammen gucken. So ähnlich ist das mit Glauben. Als Lektor geht es für mich um gemeinsame Teilhabe am Besonderen – weg vom privaten zum gemeinschaftlichen Glauben mit einer eigenen persönlichen Note.

JR: Ich habe die Lektorenausbildung über einen Bürgermeister in meiner Heimat in Baden-Württemberg kennengelernt. Meine Großmutter hätte gerne gesehen, dass ich das Theologiestudium ergreife, aber ich habe mich damals für den Lehrerberuf entschieden. Das war richtig. Nun (im Ruhestand) jedoch empfinde ich – wie hat es jemand zu mir gesagt - „Es spricht zu mir“. Jetzt ist für mich der Moment gekommen, mich dieser Ausbildung zu widmen, denn: man macht diese Ausbildung auch für sich selbst.

Wie seht ihr den christlichen Glaube in unserer Gesellschaft?

SH: Viele christliche Werte und damit auch den Glauben nehme ich als unterschwellig vorhanden war. Die Leute scheuen sich jedoch davor, diese als solche zu benennen. Wenn die christlichen Werte explizit auftauchen, wirkt es befremdlich. Ich erlebe christlichen Glauben bei uns nicht mehr als selbstverständlich. Vielmehr läuft er wie in der Kreuzesdebatte in Bayern Gefahr, von anderen ausgenutzt zu werden.

JR: Ich denke, wir schauen auf den christlichen Glauben aus einer deutschen, westlichen Perspektive, weltweit mag das anders sein. Ich meine auch, es ist in unserer Gesellschaft schwieriger geworden, aber vor allem weltweit, den christlichen Glauben zu leben.

HK: Unsere Gesellschaft befindet sich in einem großen Umbruch. Manche meinen, dass die jetzige Krise der Fußball-Nationalmannschaft ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklung sei. Ich möchte es christlicherseits daher einfach mit Luther halten: „Tritt frisch auf, tus Maul auf, hör bald auf“.

Glauben und Freiheit gehören zusammen. Viele Menschen in der Gesellschaft sehen dies jedoch anders und als Widerspruch. Wie seht ihr das?

HK: Ich zitiere einfach als ehemaliger Jurist Art. 4 des Grundgesetzes „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.“ Mehr gibt es gar nicht für mich da zu sagen.
SH: Glaube soll mir was bringen, es ist meine Freiheit, mich für ihn zu entscheiden. Die Freiheit ist also Voraussetzung zum Glauben. Religion wiederum kann durch ihre Moralvorstellungen einengend wirken.

JR: Glauben und Freiheit sind auf den ersten Blick ein Widerspruch. Ich möchte erkennen, welche freiheitlichen Entscheidungen, die ich treffe, im Widerspruch zum Glauben stehen. Dies erlebe ich immer wieder als einen neu zu verhandelnden Punkt.

Aus Glaube und Freiheit resultiert auch Verantwortung. Wo lebt ihr die christliche Ethik für euch im Alltag?

JR: Ich sehe im Begriff der Toleranz, nicht nur wenn er christlich benutzt wird, einen doppelten Aspekt: einen duldenden, aber auch einen – und der wird z. Z. meist unterschlagen – fordernden Aspekt. Ein solcher Toleranzbegriff bildet für mich Ethik im Alltag.

SH und HK: Der freundliche und aufrichtige Umgang mit meinem Nächsten – die Nächstenliebe bildet für uns das zentrale Element christlicher Ethik.

Ganz herzlichen Dank für die interessanten Antworten und Gottes Segen für die weitere Ausbildung zum Lektor unserer lutherischen Landeskirche!

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