Veröffentlicht von Doris Hüls am Mi., 21. Nov. 2018 11:36 Uhr

Kinder blicken ganz anders als Erwachsene in ihre und in unsere Welt. In unseren drei lutherischen Kindertagesstätten erleben wir inzwischen schon über mehrere Jahrzehnte Kinder in ihren jeweiligen Stadtteilen. In einem Interview mit Mechthild Sommerfeld (SO) für die Martin-Luther-Kindertagesstätte, Sandra Wever (WE) für den Bergland-Kindergarten und Karin Wisniewski (WI) für die Christus-Kindertagesstätte erzählen die drei Leiterinnen von ihren Erfahrungen, aber auch von ihren Einschätzungen der heutigen Situation.

HS: Kinder sehen die Welt mit anderen Augen und haben Fragen. Was war die interessanteste Frage in Ihrer Laufbahn?

WE/WI: Vielleicht nicht die interessanteste, aber eine häufig gestellte Frage war die nach unserer persönlichen Situation wie z. B. „Bist du nachts auch da?“ Die Trennung von Berufs- und Privatleben fällt den Kindern in diesem Alter oft noch schwer und lässt uns so manches Mal schmunzeln.

SO: Wenn die Bürotür bewusst aufsteht, fragen die Kinder nach Offensichtlichem und für sie Wesentlichem: „Was schreibst du da? Wer singt jetzt mit uns?“

REI: Welche Veränderungen haben Sie seit Ihrem Start ins Berufsleben wahrgenommen?

SO/WE/WI: Die Kinder sind freier und offener geworden, früher waren sie zurückhaltender und hatten eine größere Hemmschwelle, z. B. wurden früher die Erzieherinnen gesiezt, heute geduzt.

WI/SO: Kinder erzählen viel spontaner, sind selbstbewusster und selbständiger - vielleicht auch, weil beide Eltern arbeiten.

WE: Andererseits wachsen die Kinder behüteter auf.

SO: Eltern sind „anders unterwegs“ als früher. Und: Kinder erleben andere Kulturen, auch in den KiTas, und sind dadurch auch weltoffener.

HS: Bedeutet offener auch glücklicher?

WE/WI: Das kann man so nicht sagen. Sie sind vielleicht anders glücklich. Sie können bei Entscheidungen mitbestimmen. Es wird in der Familie und in der KiTa häufiger diskutiert, aber manchmal auch „kaputt diskutiert“.

HS: Heute gibt es z. B. die Elternzeit oder eine Neuausrichtung der Finanzierung für die Eltern der KiTa-Kinder. Ist die Gesellschaft kindgerechter als früher?

WE/WI: Kinder haben zuhause mehr Verpflichtungen, die Freizeit ist organisiert, oft fehlen Gelegenheiten zum freien Spielen.

SO: In den Kitas ist dagegen noch freies Spielen draußen möglich.

WI: Die Kinder müssen in den Augen der Eltern funktionieren. Einerseits haben Eltern nicht immer viel Zeit für sie ...

WE: ... andererseits machen sich die Eltern mehr Gedanken über die Erziehung. Sie reflektieren stärker, sind aber auch verunsichert, ängstlich und besorgt, ob das Kind den sogenannten Durchschnittsnormen entspricht. Bei Problemen erhalten die Kinder jedoch mehr als früher rechtzeitig Hilfen.

HS: Inwieweit eröffnen Kinder den Eltern und unserer Gesellschaft neue Horizonte? Was können wir von den Kindern immer wieder lernen?

WE: Kinder machen einfach, z. B. Forschen.

WI:  Ihre Neugier und Spontanität sowie Offenheit und Vertrauen bilden Eckpfeiler ihres Erlebens.

REI: Wo und wie gibt es Interaktionen zwischen den Generationen insbesondere zur Generation 60+?

SO: Grundsätzlich hat sich die Situation eher seitens der Älteren verändert: heute sind die Omas und Opas häufig noch selbst berufstätig, wirken daher eben auch offener und jugendlicher.

WI: Unser Frauenkreis der Christus-Kirche trifft sich einmal monatlich. Einmal pro Jahr besucht er die KiTa zum gemeinsamen Singen, einmal besucht die KiTa den Frauenkreis. Dann wird gespielt. Die älteren Damen sind total fasziniert von den Kindern, die Chemie stimmt. Die Kinder sind in ihrem Verhalten dort völlig unbefangen und die Älteren blühen auf.

HS: Weihnachten - das Fest der Geburt eines Kindes, Jesus, bildet einen Schwerpunk im christlichen Glauben. Inwieweit spielt ein Kind als Mittelpunkt dieses Festes eine Rolle?

SO/WI/WE: In den KiTas bereiten wir Weihnachten inhaltlich vor, indem wir das Besinnliche der Zeit hervorheben und gestalten. Jedoch herrscht bei manchen Familien ein Konsumdenken und viel Äußerliches vor: Es geht um Geschenke. Man braucht sich nur das Angebot in den Geschäften anzuschauen. Nicht alle Familien feiern den Advent wie früher mit Singen und Kerzen. Weihnachten wird nicht mehr überall als christliches Fest um die Geburt Jesu wahrgenommen.

REI: Maria und Josef als Eltern mussten Jesus beschützen, in der Erzählung von der Flucht nach Ägypten wird dies deutlich. Wie sieht dies heute aus?

WE: Jede Familie definiert Schutz und Schutzbedürftigkeit anders.

WI/WE/SO: Es gibt keine passende Antwort. Eine Verknüpfung der Flucht nach Ägypten mit den heutigen Migrationsbewegungen ist bei unseren Kindern/Familien eher nicht feststellbar. Was die allgemeine Schutzbedürftigkeit der Kinder anbelangt, hat diese zugenommen. Die Mitarbeiterinnen sind geschulter als früher, wenn es darum geht, eine Bedürftigkeit der Kinder in den KiTas festzustellen und diese ihnen auch notfalls mit Hilfe staatlicher Stellen zukommen zu lassen.

HS und REI: Vielen Dank für das Gespräch.

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