Veröffentlicht von Doris Hüls am Mi., 23. Jan. 2019 12:11 Uhr

Ich krame in meinen Sachen von damals. Suche. Und finde. Finde diese besonderen Sachen: Die Karten. Den Pilgerpass. Das Tagebuch.

Keinen anderen Weg wollte ich damals mehr gehen als diesen Pilgerweg, weil ich wortwörtlich und auch im übertragenen Sinn keinen anderen Weg mehr gehen konnte.Hape Kerkeling hatte mir mit seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ einen Samen ins Herz gelegt. Und dieser ging in jenem späten Frühjahr 2015 auf. Nahm sich den Platz, den ich glaubte, nie haben zu dürfen.

Ganz nach einem Jakobusweg-Spruch „Der Weg beginnt in Ihrem Haus“ suchte meine Seele schon lange nach diesem besonderen Freiraum. Ich wollte pilgern. Nicht nach Santiago de Compostela. Nein, sondern meinen eigenen Weg.

Mein eigener Pilgerweg sollte mich von zu Hause rückwärts auf den Jakobs- und Birgittenweg von Seckenhausen über Bremen, Hamburg und Lübeck nach Südschweden (noch genauer gesagt: nach Urshult) führen.

Denn im Gegensatz zu Hape Kerkeling stellte ich mir nicht die Frage, ob es Gott gibt. Vielmehr wollte ich Gott an dem Ort suchen, wo er mir schon einmal in einer schwierigen Lebensphase unter die Arme gegriffen hatte. Dort wollte ich unbedingt hin. Zu Fuß. Um Zeit mit ihm zu haben, ihn zu spüren.

Ich lese in meinem Tagebuch von damals. Von den drei Wochen. Mit krakeligem Bleistift habe ich geschrieben - ein Kugelschreiber wäre ein paar Gramm schwerer gewesen.

Während ich meine Zeilen von damals lese, spüre ich noch einmal die Weite der Worte, diesen Lebensatem, den Raum, den Gott mir auftat.

Was hatte ich zunächst im Vorfeld meines Weges für eine Enge gespürt. Überall taten sich Hürden auf: Die Frage nach den richtigen Schuhen, das Problem des Gesamtgewichts meines Rucksacks und die Unsicherheit, was die Unterkünfte anging. Ich wollte es so unbedingt richtig machen. Ich wollte den Weg schaffen. Ich wollte zu meinem Pilgerort gehen. Wenn meine Frau damals nicht gesagt hätte: „Nun geh aber auch endlich los! Sonst gehst Du nie!“, wäre ich vielleicht wirklich nie losgegangen. Heute lache ich über mich selbst. Natürlich bleibt eine gute Vorbereitung für solch einen Weg wichtig, aber sie kann auch in die Irre und in eine falsche Enge führen. Als ich aus meiner damaligen Heimatkirche Seckenhausen mit einem Reisesegen meines Kollegen aufbrach, da hoffte ich, den Weg zu schaffen. Räumlich gesehen sollte ich allerdings nicht an meinem geplanten Pilgerziel ankommen.

Stattdessen traf ich in den ersten Tagen auf dem Weg eigentlich immer wieder nur auf eines - nämlich auf mich selbst. Ich mit allen meinen Sorgen, Ängsten und Verletzungen, die mich erdrückten und die meinen Rucksack noch schwerer erschienen ließen. Unfassbar, was sich alles an bisher nicht Durchdachtem und an Erlebtem bei mir angesammelt hatte und mir meinen Lebensatem eng machte.
Unbeschreibbar hingegen bleiben jedoch die vielen Begegnungen mit Gottes Schöpfung, mit den Menschen und mit Gott selbst. Momente, die mich bis heute prägen und tragen.

In Gottes Schöpfung gehen zu dürfen, Teil von seiner unendlichen Weite zu sein, war ein großer Trost für mich. Menschen zu treffen, die dich eigentlich gar nicht kennen und die dich doch so annehmen, wie du bist - das schenkte mir neues Selbstbewusstsein. Und Gott selbst zu begegnen, mich in seinem Angesicht zu spüren - das bleibt unbeschreibbar und etwas, was ich mein Eigen nennen darf.

Jetzt beim Lesen ist diese Gewissheit wieder da. Gott ist da. In meinem Tagebuch lese ich meine eigenen Worte:
„Was wir Menschen auch an unfassbarem Leid kennen, was uns Menschen auch in die Enge treibt, es gibt so viel mehr an unsagbarem Guten bei und in Gott, was uns Menschen heilt, uns Freiheit schenkt und uns erstrahlen lässt. Es ist so viel, dass es sich kaum ertragen lässt.“


Meinen Pilgerweg selbst musste ich damals kurz vor der Ostsee aufgeben. Doch noch heute – wenn ich z. B. in der Grafschaft mit meinem Hund spazieren gehe – kann ich das Besondere jener Tage nachempfinden: Manch Unsortiertes wird sortiert. Manch Trauriges wandelt sich in Zuversicht. Ich spüre noch die Weite von Gottes Wegen zum Leben.

von Holger Schmidt

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