Veröffentlicht von Doris Hüls am Mi., 23. Jan. 2019 12:22 Uhr

Herr Tvrtkovic, wir beschäftigen uns in diesem Jahr mit FreiRäumen. Vor allem mit FreiRäumen in unserem persönlichen Leben und denen im Leben der Gemeinde. Aber wir schauen als Kirchengemeinde natürlich immer wieder auch auf unsere Gebäude und überlegen, wie wir diese Räume gestalten wollen. Ihre Tätigkeit geht noch darüber hinaus, wenn Sie sich mit ganzen Städten oder Stadtteilen befassen. Aber auch dort gibt es so etwas wie Freiräume, oder? Wo findet man solche Freiräume in Städten?

Im klassischen Sinne sind Freiräume unbebaute Flächen in der Stadt. Das können Parks, private Vorgärten oder auch ein Kinderspielplatz sein. Wir finden sie überall in der Stadt. Es können Privatgärten als Teil des direkten Wohnumfeldes sein, institutionale Freiräume wie ein Schulhof oder ein Kirchenvorplatz. Oder es können auch Flächen sein, die einer ganz bestimmten Funktion zugewiesen sind wie das z. B. bei Friedhöfen der Fall ist. Besonderen Reiz haben gestaltete Gärten, aber auch wassernahe Freiräume an Flüssen, am Seeufer oder am Meer.

Kann man sagen, dass diese Art von Freiräumen, die Sie beschreiben, städtebaulich eine bestimmte Funktion haben? Dienen sie sozusagen einem bestimmten Anliegen, das wichtig für uns Menschen ist und sonst nicht erfüllt werden würde? Oder braucht gar nicht alles eine Funktion zu haben?

Freiräume haben je nach Prägung eine oder mehrere Funktionen: Sie können zum Aufenthalt einladen, aber auch der Verbindung dienen. Ein öffentlicher Platz hat so eine Mehrdeutigkeit. Sie erreichen darüber die umliegenden Gebäude, Sie können am Rand eines Platzes im Cafe sitzen, Kinder können den Platz als Spielfläche nutzen. Diese Mehrdeutigkeit macht den Reiz der Freiräume aus. Freiräume sind für mich aber vor allem „Ermöglichkeitsräume“ und Räume der sozialen Interaktion. Sie dienen als Plattform für soziale Kontakte, dem Miteinander, und zugleich können wir dort für uns alleine sein.

Wenn wir unser Gemeindemagazin gestalten und nicht jede freie Fläche mit Buchstaben vollgeschrieben ist, kommt oft das Argument: „Den Platz hätten wir doch noch für Text nutzen können.“ Kennen Sie ähnliche Argumentationen auch aus dem Bereich der Städteplanung? Und ist es trotzdem wichtig, an Freiräumen festzuhalten?

Im Städtebau ist die Bedeutung der Freiräume unbestritten. Das Verhältnis und die Qualität der Beziehungen zwischen der bebauten und der unbebauten Flächen ist für die Lebensqualität in der Stadt entscheidend. Es ist aber auch häufig so, dass viele Bewohner Vorbehalte gegen Freiflächen haben - insbesondere dann, wenn die Freiräume schlecht einsehbar sind. Oft wird argumentiert, dass bestimmte Gruppen (z. B. Jugendliche) sich dann dort vermehrt treffen und die Räume auf eine Art nutzen könnten, die der Vorstellung der Bewohner nicht entspricht. Ich bin der Meinung, dass wir viele und vielfältige Freiräume brauchen, die für viele offen sind. So sehe ich es bei Ihrem Beispiel auch. Die vermeintliche „Leere“ ist viel mehr als nichts. Es ist ein „sowohl als auch“ - eine Fläche zum Aneignen, eine offene Schnittstelle, die zum aktiven Gestalten und Teilhabe einlädt. Nichts Schöneres kann passieren, als dass Ihre Leserinnen und Leser diese Freiräume zu ihren eigenen machen und das Gemeindemagazin so zu einem Magazin von vielen Menschen wird. Was die Stadt betrifft, sollte dies ebenfalls unser Anspruch sein.

Vielen Dank für diese interessanten Einsichten und Gedanken, Herr Tvrtkovic!

von Simon de Vries

Foto: HS Coburg

Kategorien Themenschwerpunkt