Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 26. Mär. 2019 17:13 Uhr

SH: Historisch betrachtet ist Gastfreundschaft schnell definiert: ich biete meinem Gast ein Bett, also ein Dach über dem Kopf, Essen und Trinken, und – das ist fast noch wichtiger - Schutz. Solange er sich unter meinem Dach befindet, darf ihm nichts Böses geschehen. Dafür bin ich verantwortlich. Außerdem versuche ich, es meinem Gast so angenehm wie möglich zu machen. Viele haben heute ja ein Gästezimmer. Als ich Kind war, hatten wir das zu Hause nicht, erst später. Deshalb hat Besuch über mehrere Tage (oder manchmal sogar Wochen, wenn meine Oma aus der DDR kam) immer bedeutet, dass jemand sein Bett bzw. Zimmer -  und damit ja auch seinen eigenen Rückzugsbereich - zur Verfügung gestellt und selbst während der Zeit des Besuchs behelfsmäßig geschlafen hat. Umgekehrt war das auch so, wenn wir, oder später ich alleine, die Verwandten in der DDR besucht haben. War das bei euch auch so? Und würde man das heute noch so machen? Ich überlege gerade, ob mir das als Gast überhaupt angenehm wäre. Wahrscheinlich würde ich heute eher meine Luftmatratze mitbringen und mich freuen, wenn der Gastgeber Bettzeug und Handtücher für mich hat.

JR: Bei uns war das anders: nahezu die ganze Familie wohnte in der Nähe. Nur meine Tante und deren Familie, die weiter weg wohnte, schliefen während ihrer Besuche bei meinen Großeltern. Meine Mutter vermietete in den 50er Jahren bis in die 90er Jahre Fremdenzimmer für Kurgäste im Schwarzwald. Also ein kommerzieller „Gast“-betrieb. Im Sommer war uns vier Geschwister immer klar, dass, wenn die Kurgäste kamen, fast alle Zimmer geräumt wurden, geschlafen wurde bei den Großeltern oder auf dem Speicher, nur im Winter hatte jeder ein eigenes Zimmer. Die Gäste kamen vor allem aus dem Raum Frankfurt und aus dem „Ruhrpott“. Durch die zugewandte Art meiner Mutter gegenüber den Gästen wurden diese sehr herzlich und familiär aufgenommen. Man nahm gegenseitig regen Anteil am Fami­lienleben, an Sorgen und Nöten, fast alle kamen jahrelang wieder. Wir Kinder haben oft gemeckert. Heute sehe ich dies natürlich anders. Finanziell waren die Verhältnisse vieler Familien damals ganz anders als heute. Urlaub gab es bei uns in dem Sinne nicht. Die Kinder hatten alle Möglichkeiten, draußen zu spielen oder wurden gelegentlich zur Kur geschickt, oder mussten in der kleinen Landwirtschaft der Großeltern mithelfen. Heute haben sich die Ansprüche der Kur-„gäste“ stark verändert, sie wollen viel mehr Unterhaltung, Bespaßung im Sinne von Programm und Events - auch im privaten Bereich. Und: einige meiner Gäste schlafen lieber im Hotel, wo sie mehr Freiräume haben.

SH: Was das Essen betrifft, kann ich mich erinnern, dass meine Mutter über mehrere Tage geplant hat, was sie wann kocht und sehr darum bemüht war, dass Essen abwechslungsreich zu gestalten. Heute mache ich mir eher Gedanken darüber, was mein Besuch isst oder essen kann und was eher nicht. Wenn ich so darüber nachdenke: wir haben in unserem Freundeskreis Vegetarier, Veganer,
Nussallergiker, Milchallergiker – damit ist überhaupt noch nicht berücksichtigt, ob jemand irgendwas nur einfach nicht so gerne mag oder aus anderen Gründen nicht essen möchte. Deshalb habe ich irgendwann damit angefangen – ab einer gewissen Gästezahl – alles mit Schildern zu versehen, auf denen drauf steht, was im Kuchen oder Salat oder was auch immer drin ist.

JR: Ich bin ja etwas älter als du und habe noch Erfahrungen aus den 50er Jahren, gekennzeichnet v. a. durch das Ende der Mangelwirtschaft nach dem Krieg: Buttercremetorten, Russische Eier und Schwarzwälder Kirschtorten. Kam Besuch, wurde alles und meist zu viel aufgetischt. Über Allergien und Stoffwechselerkrankungen wusste man kaum etwas. Heute sieht das anders aus. In meinem Umfeld weiß ich, wenn Karin kommt, wird alles, was Paprika enthalten könnte, weit weg gestellt, weil sonst unweigerlich der Notarzt droht. Als Gastgeber habe ich die Erwartung, dass meine Gäste, wie beispielsweise bei Langstreckenflügen, vorher angeben, was sie essen dürfen und was nicht. Lade ich Muslime ein, ich habe nur wenige in meinem Bekanntenkreis, ändere ich meine Kochgewohnheiten nicht sehr, achte aber darauf, dass es kein Schweinefleisch gibt. Ich würde also keinen Schweinebraten als einziges Gericht auf den Tisch stellen, was in meinem Bekanntenkreis – vielleicht aus Unachtsamkeit - schon passiert ist. Dann ist der muslimische Gast in der Pflicht sich zu überlegen, ob er, um den Gastgeber nicht bloßzustellen, nichts sagt – oder doch - ein Dilemma. Alkohol ist auch so eine Sache, oft gibt es einen Begrüßungssekt, dann meist alkoholfrei und dazu Saft bzw. Wasser.
SH: Wie lange ist ein Gast eigentlich ausschließlich Gast? Ab wann darf ich denken, jetzt könnte er seine Kaffeetasse auch selbst in die Spülmaschine räumen?

JR: Gute Frage: Ich erwarte von Familie und engeren Freund­Innen, dass sie zumindest anbieten, beim Aufräumen zu helfen. Kenne ich meine Gäste weniger, halte ich mich an die „Klosterregel“: „Ihr sollt gegen jedweden Gastfreundschaft üben, doch wenn der Gast länger als drei Tage bei euch verweilt, so könnt ihr mit der Freundlichkeit langsam nachlassen.“ Heißt, er wird in die Gemeinschaft mit allen Pflichten voll integriert oder er sollte sich vielleicht doch besser langsam verabschieden.

SH: Wichtig finde ich auch noch den Aspekt der Unterhaltung. Gute Bewirtung und Unterkunft kriegt man ja meistens irgendwie hin. Aber der Gast oder die Gäste soll / sollen sich ja auch nicht langweilen. Womöglich kommt er / kommen sie dann nie wieder.  Das wäre mir wirklich unangenehm. „Man lebt nicht nur vom Brot allein ...“ oder wie hieß das noch?

JR: Hm, meine Anforderungen sind da nicht so hoch. Es kommt allerdings darauf an, was du unter Unterhaltung verstehst. Ich mache es auch abhängig von der Anzahl meiner Gäste. Oft ist ein gutes Gespräch und Zuwendung in einem kleineren Kreis wichtiger als reiner Smalltalk bzw. Unterhaltung in größerem Kreis. Bei längerer Verweildauer plane ich aber schon Ausflüge etc. ein.

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