Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 26. Mär. 2019 17:25 Uhr

Für unsere Familie hat alles damit begonnen, dass am 21. Juni 2006 ein neunjähriges kleines Mädchen den Bus verließ, der die Kinder der Tschernobyl-Kinderaktion unserer Landeskirche vom Flughafen Hannover nach Nordhorn gebracht hatte. Jule nahm mich an die Hand, sie trug in der anderen Hand nichts weiter als eine Plastiktüte. Seit dem Sommer 2006 ist Jule jetzt schon zwölf Mal für jeweils vier Wochen bei uns zu Gast gewesen. Jule kommt aus dem Dorf Wasilewitschi der Region Gomel. Gomel ist die zweitgrößte Stadt Weißrusslands und liegt im Südosten des Landes. Die ganze Region hat besonders schlimm unter den Folgen der Explosion des Atomkraftwerks im ukrainischen Tschernobyl gelitten, denn hier ging in den ersten Tagen nach der Reaktor-Katastrophe ein Großteil des radioaktiven Fallouts nieder. Unter den Folgen müssen die Menschen im Südosten Weißrusslands heute immer noch leiden.

Mehr als dreißig Jahre danach ist es insbesondere für Kinder der Region wichtig, ihre verstrahlte Heimat wenigstens für ein paar Wochen im Jahr zu verlassen. Jede neue „Kur“ schafft dem jungen Körper eine Verschnaufpause, die monatelang nachwirkt. Dennoch ist praktisch jedes Kind durch die Verstrahlung seiner Heimat gesundheitlich angegriffen. Und Eltern fragen zu allererst nach der Geburt ihres Kindes nicht nach dem Geschlecht, sondern nach möglichen Missbildungen ihrer Säuglinge.

Auch Jules Schilddrüse war anfangs vergrößert und Jules Schwester Olga musste sogar für lange Zeit aufgrund einer Schilddrüsenerkrankung ins Krankenhaus. Viele Kinder der Region verreisen in den Ferien entweder in den unbelasteten Nordwesten Weißrusslands oder in mehr oder weniger entfernte Länder. Olga zum Beispiel fährt in jedem Sommer zu einer Gastfamilie nach Italien. Während Olga heute fließend italienisch spricht, hat unsere Jule sich selbst im Kontakt mit unseren Kindern das Deutschsprechen beigebracht.

Nach der Schulausbildung hat Jule in Gomel Musik studiert, heute arbeitet sie in einer Kleinstadt der Region in einer Musikschule. Ihr Arbeitsrhythmus macht es schwer, sich der Gruppe der Gastkinder, die weiterhin Jahr für Jahr in die Grafschaft kommen, anzuschließen. Dieses Jahr kann sie nur für zwei Wochen kommen.

Jule besucht uns seit drei Jahren in Begleitung ihrer kleinen zehnjährigen Schwester Dascha. Es war für Dascha zumindest in den letzten Jahren gut, ihre große Schwester dabei zu haben. Aber jetzt fühlt sie sich bei uns zu Hause auch heimisch, Dascha liebt es besonders, mit dem Fahrrad durch die Grafschafter Gegend zu fahren.

Zu kleinen Urlaubsausflügen haben wir die beiden Weißrussinnen immer wieder gerne mitgenommen, aber andererseits mit ihnen auch unseren ganz normalen Alltag verbracht. Wir haben mit unseren Gastkindern viele Verwandtenbesuche gemacht, sie sind inzwischen für uns und unsere Großfamilie zu richtigen Familienmitgliedern geworden. Im letzten Jahr hat eine Nichte von uns Jule und Dascha in ihrer Familie für zwei Wochen aufgenommen. So hat Dascha nun auch gleichaltrige Kinder zum Spielen, wir werden Dascha auch dieses Jahr mit unseren Verwandten „teilen“.

Aber wir haben die Gastfreundschaft nicht nur als „Einbahnstraße“ erlebt. Die Gasteltern der Tschernobyl-Kinderaktion haben die Möglichkeit zusammen mit den Grafschafter KoordinatorInnen bei einer mehrtägigen Fahrt nach Weißrussland, die von hier aus unterstützten Initiativen in der Region Gomel anzuschauen und auch die Gastkinder in ihren Familien zu besuchen. Ich durfte im Winter 2012 ein ganzes Wochenende bei Jules und Daschas Familie zu Gast sein. Die herzliche Gastfreundschaft, die ich erleben durfte, werde ich zeitlebens nicht vergessen.

von Ulrich Meyer-Spethmann

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