Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 26. Mär. 2019 17:33 Uhr

Deutschland 2006 – ich erinnere mich noch gut an diese von vielen als „Sommermärchen“ bezeichnete Fussball-WM im eigenen Land. Nicht, weil Oliver Neuville in der 93. Minute das Siegtor in Dortmund gegen Polen schoss, nicht weil Jens Lehmann den entscheidenden Elfmeter gegen Argentinien hielt und auch nicht, weil die deutsche Fussball-Nationalmannschaft nach der Enttäuschung der EM 2004 mit einem desaströsen Vorrundenaus wieder in die Weltspitze zurückkehrte.

Vielmehr rieb sich eine ganze Nation über sich selbst, ja die ganze Welt über Deutschland verwundert die Augen. Galt noch 2002 der von André Heller entworfene Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“ fast als schlechter Scherz, zumindest aber als typischer Werbeslogan, erfüllte dieser sich in jenem Jahr mehr als es sich die Verantwortlichen wohl je gedacht hatten.

Denn nicht nur organisatorisch war die Weltmeisterschaft laut des umstrittenen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter die beste der Geschichte, vor allem durch das ebenso begeisterungsfähige wie gastfreundliche Publikum konnte sich Deutschland als ein würdiger Gastgeber des Turniers darstellen.

Die Deutschen zeigten eine Facette ihres Charakters, an deren Existenz man im Ausland (und vielleicht wir selbst) kaum geglaubt hatte(n). Häuser, Autos, Busse - alles war mit Flaggen geschmückt (auch wenn dies eine Debatte auslöste); und auf den Straßen sah man nur freundliche und hilfsbereite Menschen. Das Image der Deutschen als distanzierte und ernste Menschen wurde laut FIFA Bericht „ein für alle Mal“ widerlegt. Die Menschen kamen aus den Häusern auf die Straßen, um mitzufeiern. Und Herbert Grönemeyers Song „Zeit, das was sich dreht“ wummerte in Konkurenz mit Xavier Naidoos „Dieser Weg“ durch selbige. Hinzu kam das Wetter, das kaum besser hätte sein können. An nahezu allen Tagen lachte die Sonne vom blauen Himmel herab und sorgte für eine völlig ungetrübte Atmosphäre wie bei einem Open-Air-Festival. Die vielen Fanfeste selbst in kleinsten Orten, die Fussballfeste von lokalen Sportvereinen und die neuegeschaffenen Public-Viewing-Bereiche in den Städten zeigten ein weltoffenes und gastfreundliches Deutschland. Wesentlich trug dazu bei, dass auch „exotische“ Mannschaften würdig empfangen und bejubelt wurden. Orte wie z. B. Walldorf (etwas größer als Nordhorn) empfingen diese Mannschaften (in diesem Fall: Costa Rica - Auftaktgegner der deutschen Nationalmannschaft) und feierten Feste zu Ehren der Gäste. Dies sorgte für einen grundlegenden Wandel des Deutschlandbildes im Ausland. Das Gefühl eines vierwöchigen, internationalen Volksfestes in einem außergewöhnlichen Sommer stellte sich ein.

Nach einer repräsentativen Umfrage des Europäischen Tourismus Instituts (ETI) in Trier vertraten 96 % der Deutschen die Meinung, dass Deutschland ein guter Gastgeber während der Fußball-Weltmeisterschaft war. Außerdem empfanden 93 % der Befragten die ausländischen Fußballfans als angenehm. Gastgeberwerte, wovon leider heute wieder geträumt werden muss, aber die das Sommermärchen 2006 als Maßstab gelungener, offener Gastfreundschaft in Deutschland hinterlassen hat.

von Holger Schmidt

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