Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 3. Dez. 2019 11:41 Uhr

Der Herrnhuter Stern, mit Ecken und Kanten, gut ausgeleuchtet, leuchtend für alle. Manchmal einfarbig, manchmal bunt - vielfältig und bunt wie unsere Gesellschaft. 25 Strahlen in einem Stern, in alle Richtungen weisend, verbunden durch ein gemeinsames Gerüst, verbunden miteinander. Diese Strahlen sind wir, empfänglich für das Licht des Herrn. Und Paulus schreibt im 2. Brief an die Korinther: „Denn Gott, der da sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass die Erleuchtung entstünde zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“

So ungefähr lässt sich die „Theologie des Herrnhuter Sterns“ zusammenfassen (nach H. Baarlink, in: Grenzbote). Die Entstehungsgeschichte dieses Sterns liegt im Dunkeln. Zum ersten Mal taucht er in der Unitätsknabenanstalt der Brüdergemeine in Niesky in der Oberlausitz/Sachsen auf. Ein großer Stern mit 110 Zacken schmückte anlässlich der Feiern zum 50. Jahrestag vom 4.-6. Januar 1821 den Hof des Gebäudes. Also ursprünglich gedacht als Stern der Weisen („Wir haben seinen Stern gesehen“) und damit anders als heute, wo seine Bedeutung als Adventsstern im Vordergrund steht.

Nach mündlicher Überlieferung soll sein Erfinder ein namentlich nicht bekannter ehemaliger Offizier und Erzieher gewesen sein. Er beschäftigte seine Schüler mit dem Basteln von Vierkantkörpern zum Verständnis der Geometrie. Diese wurden später auf ein Gerüst, erst aus Papier, dann aus Blech, aufgesetzt und so entstand der Stern, anscheinend schon immer beleuchtet. Natürlich schmückten die Sterne auch sehr schnell die Kirchsäle der Herrnhuter Brüdergemeine und künden bis heute in der Adventszeit von der nahen Ankunft des Herrn.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts gab es die ersten Sterne im Handel. Neben der industriellen Herstellung blieben die Brüderischen Knabenanstalten (Internate für die Kinder der Überseemissionare der Herrnhuter Brüdergemeine) die eigentlichen Zentren der sog. „Sternerlei“. Auch in den Schulen wurde gebastelt - so schreibt Reiner Kurt, ehemaliger Lehrer im Internat der Brüdergemeine in Königsfeld/Schwarzwald: „Ab 1971 habe ich das Basteln auch in den 5. und 6. Klassen begonnen.“ Sechs Unterrichtsstunden setzte Rainer Kurt für das Sterne-Bauen an. Zu Hause mussten die Leuchtkörper noch mit Unterstützung der Eltern zusammengeklebt werden. „Wichtig ist, dass die Schülerinnen und Schüler lernen, genau zu zeichnen und genau zu arbeiten!“.  

In vielen Haushalten in Neugnadenfeld und in der Grafschaft wurden das ganze Jahr über Sterne gebastelt, um sie dann zu verkaufen oder zu verschenken.
So war es auch bei Familie Klemp in Nordhorn. Frau Marie Luise Klemp (MLK) berichtet:

MLK: Ich habe immer schon gerne genäht und gebastelt. Vor vielen Jahren hat sich meine Tochter auf einem Basar in Nordhorn einen Stern gekauft. Er gefiel mir und ich dachte, ich könnte auch versuchen, einen Stern zu basteln. Mehr als 10 Jahren habe ich das nun gemacht. Viele habe ich verschenkt, andere verkauft.

Jürgen Reichle (REI): Wie viele Sterne haben Sie pro Jahr gebastelt?

MLK: Etwa 20 pro Jahr - mal mehr, mal weniger.

REI: Wie lange brauchen Sie für einen Stern?

MLK: Für einen kleinen Stern mit einem Durchmesser von 10 cm brauche ich ca. 3 Stunden. Es ist wegen der Größe schwieriger, einen kleinen als einen größeren herzustellen.

REI: Wie viele Zacken hat ein Stern normalerweise?

MLK: Ich habe unterschiedliche Sterne gebastelt, mit 25 bzw. 26, 32 und 38 und 50 Zacken. Einmal habe ich einen großen mit 70 cm Durchmesser und mit sieben Metern Kabel für eine Kirche gebastelt. Er konnte dann aber doch nicht in der Kirche aufgehängt werden, sondern durfte nur den Gemeindesaal schmücken. Heute ist das aber anders. Mein Mann hat zusätzlich Ständer gebaut, auf dem man die Sterne lagern kann, ohne dass die empfindlichen Spitzen geknickt werden.

REI: Und basteln Sie heute auch noch?

MLK: Ich bastle keine Sterne mehr. Das hat mehrere Gründe: zum einen gesundheitliche und zeitliche, zum anderen wurde der original Herrnhuter Stern patentiert. So muss man heute im privaten Bereich auf andere Vorlagen bzw. Schablonen zurückgreifen.

REI: Vielen Dank, dass Sie über Ihre „Sternerlei“ berichtet haben, Frau Klemp.

Patentiert wurde der Stern 2012. Natürlich konnten die kleinen Hausbetriebe auch schon früher der steigenden Nachfrage nicht nachkommen. Die Herrnhuter Sterne GmbH produziert heute mit ca. 140 Arbeitskräften ein Sortiment von über 60 verschiedenen Sternen nebst Zubehör für die Beleuchtung in einer Stückzahl von ca. 700 000 jährlich.

Dazu ein Auszug aus einem Interview mit dem Manager Oskar Scholz (aus: Lachmann, Harald: Die Mutter aller Weihnachtssterne, VDI nachrichten vom 19.12.08):

VDI: Seit wann produzieren Sie die Sterne industriell?

Scholz: Seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Die 25-zackige-Version produziert seit den 1920er Jahren die Sternegesellschaft mbH in Herrnhut. [...]

VDI: Aber alle 25 Zacken sind Gesetz?

Scholz: Sogar ein mathematisches. [...] In der damaligen DDR gingen wegen der Deviseneinnahmen 90% in den Export.

VDI: Nüchtern betrachtet stellen Sie elektrische Industrieprodukte her. Doch zugleich verkaufen Sie ein Kulturgut, eine deutsche Tradition. Wie passt das zusammen?

Scholz: Auch wenn sich mit unseren Produkten eine Botschaft verbindet, müssen wir wirtschaftlich arbeiten. Ohne schwarze Zahlen geht auch ein christliches Unternehmen Pleite. Für die einen verkörpert der Stern die Weihnachtsgeschichte. Für andere ist es ein schöner Brauch. Ich sehe ihn als Brücke für alle Menschen guten Willens, egal ob einer gläubig ist oder nicht.

von Jürgen Reichle


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