Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 25. Feb. 2020 17:17 Uhr

5.50 Uhr. Ich wache vom lauten Vogelgezwitscher und den ersten Sonnenstrahlen auf. Ich kann sowieso nicht mehr weiter schlafen, also schiebe ich mich möglichst leise aus dem grünen Zwei-Personen-Zelt, um meine noch schlafende Mitbewohnerin nicht zu wecken. Ich strecke mich, gehe die Treppe runter und lege mich in die Hängematte. Eingekuschelt in meinem warmen Pullover höre ich den Vögeln zu, beobachte die weißen Wölkchen vor strahlend blauem Himmel, erfreue mich des intensiven Grüns des Regenwaldes und der warmen Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht.  

Ich habe großes Glück und durfte die letzten fünf Monate auf dem Land in Costa Rica verbringen, um mein Studienpraktikum im Bereich Biologie zu absolvieren. Während dieser Zeit lebte ich mit Freiwilligen im „Campo Grande“, einem Permakulturprojekt ein wenig außerhalb des Dorfes; einen großen verwilderten Garten und den tropischen Regenwald mitsamt Fluss direkt vor der Nase. Ich habe wochenlang den ganzen Tag draußen verbracht, ein so entschleunigtes Leben wie nie zuvor geführt und eine Menge interessanter Menschen getroffen.

Die Schöpfung im Sinne von ursprünglicher Natur – meine erste Assoziation mit diesem Wort – ist in diesem Land mit einer unglaublichen Biodiversität und in diesem Lebensstil sehr präsent. Ebenso die Thematik der Schöpfungsverantwortung. Costa Ricas einzigartige Wälder werden abgerodet, um Platz für Ananas-, Zuckerrohr-, Bananen-, Palmöl- und Papayaplantagen für den Export zu schaffen. Die Flüsse sind mit Pestiziden verseucht. Auf den Wegen liegen leere Plastikflaschen und Chipstüten.

Das ist meine Sicht der Dinge, aber was denken andere Menschen, die für einen kurzen oder langen Zeitraum in diesem Land der großen Biodiversität wohnen? „¿Qué es la creación para usted? ¿Hay una responsabilidad de esta?” Was ist Schöpfung für Dich? Gibt es eine Verantwortung für diese? Diese Fragen habe ich unterschiedlichsten Menschen gestellt und eine Vielfalt an interessanten Antworten erhalten, die im Folgenden ohne Wertung wiedergegeben sind:

„Jede(r) von uns ist Schöpfer. Ich kann alles machen, was ich mir vornehme und was ich wirklich will: reparieren, bauen, alles. Ich stehe in der Verantwortung, diese Kapazität zu nutzen. Viele Menschen tun dies ihr Leben lang nicht.”
Thierry, Spiritueller

„Schöpfung ist alles, was es gibt: das Universum, die Dinge, die Gedanken, die Ideen. Eine Schöpfungsverantwortung existiert nicht, da es keinen Schöpfer im Sinne von Gott gibt, dem wir diese Verantwortung schuldig sind. Jede(r) hat allerdings eine Verantwortung für sich selbst und für die Gruppe, denn wir Menschen sind soziale Wesen.”
Guadalupe, Künstlerin

„Schöpfung ist alles. Wir müssen uns vor Augen halten, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind. Denn Tiere und Pflanzen können so viel mehr als wir und es gibt so vieles, was wir nicht verstehen und auch niemals verstehen werden. Viele Dimensionen, wie zum Beispiel die Kommunikation zwischen Pflanzen, sind und bleiben übermenschlich. Ein wenig mehr Respekt für die Schöpfung ist also angebracht.”
Magdalena, Umweltaktivistin

„Schöpfung ist ein sehr weiter Begriff. Das Universum ist Schöpfung. Die Geburt eines Kindes ebenso. Daher besteht eine Schöpfungsverantwortung, denn jede(r) hat Verantwortung für sein/ihr Kind zu übernehmen.”
Oskar, Umweltaktivist

„Bei dem Begriff Schöpfung denke ich an die Ehrfurcht vorm Leben, das sich vor langer Zeit aus irgendwas entwickelt hat. Ich habe eine Beziehung zu Pflanzen und Tieren, wertschätze diese und gehe respektvoll mit dem um, was wir haben. Ich nehme mir lediglich das von der Erde, was ich zum Leben brauche. Die Natur ist ein Wunder und wir sind sicherlich nicht die Krone der Schöpfung, auch wenn wir uns als diese sehen. Das bedauere ich sehr, denn wir machen es uns und dem Planeten damit sehr schwer.”
Ina, Auszeitnehmende

Wie schön, dass meine Gesprächspartner sich so offen und ehrlich geäußert haben!

von Jana Böhme

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