Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 25. Feb. 2020 17:21 Uhr

Franka Walter (16) und Luca Pokstefl (24) sind aktiv bei Fridays For Future Nordhorn und organisieren für das Netzwerk Veranstaltungen, Aktionen und demonstrationen. Beide sind zugleich auch aktiv in der Kirchengemeinde. Pastor Simon de Vries hat mit ihnen über ihr Engagement gesprochen.

SDV: Wir drei kennen uns ja schon eine ganze Weile, aber erzählt doch noch einmal kurz, wie eure Verbindung zur Kirchengemeinde entstanden ist.

LUCA: Also bei mir ging das eigentlich mit der Konfirmation los. Ich war damals echt mit viel Begeisterung und Wissensdurst dabei. Anschließend hat sich das dann erst einmal etwas verlaufen, aber dann bin ich als Teamer beim Konfirmandenunterricht und auf Kinderfreizeiten wieder eingestiegen.

FRANKA: Stimmt, du warst ja damals mein Teamer! Bei mir kam der Einstieg damals auch durch das Sommercamp. Dadurch bin ich auf die Kirche aufmerksam geworden. Ich habe mich mit neun Jahren entschieden, mich taufen zu lassen und bin dann aktiv geworden. Besonders bei den BibelKidz und dann auch selbst als Teamer beim Camp bin ich dabei.

SDV: Würdet ihr denn sagen, dass der Glaube auch eure Sicht auf unsere Welt verändert hat?

FRANKA: Ich würde sagen, dass mir der Glaube hilft, die Leute so anzunehmen, wie sie sind. Ohne die Kirche würde ich sie schneller bewerten. So gebe ich ihnen noch einmal eher eine Chance, wenn ich ansonsten einfach nur „Arschloch“ sagen möchte. Und es ist so, dass ich in der Kirche ein besonderes Gemeinschaftsgefühl kennengelernt habe.

LUCA: An meiner Weltsicht hat die Mitarbeit in der Gemeinde nicht viel verändert. Aber sie bringt verschiedene Menschen zusammen und das gibt mir Hoffnung, dass dies dann auch im größeren Maßstab funktionieren kann.

SDV: Wie seid ihr denn dann zu „Fridays For Future“ gekommen?


FRANKA: Ich habe in den Medien gesehen: Da gehen Leute auf die Straße. Ich habe dann darüber nachgedacht, wie ich das finde, und wir haben auch in der Klasse darüber debattiert. Mit zwei Freundinnen bin ich nach Münster zu einer Demo gefahren. Anschließend haben wir gesagt: „Wir können nicht jeden Freitag irgendwo hinfahren. Das ist zu teuer. Also machen wir doch hier in Nordhorn was.“

LUCA: Ich habe von der Demo etwas später erfahren, war aber schon früher politisch sehr aktiv. Gleichzeitig aber auch verzweifelt, warum die Menschheit so stumpf ist. Als ich gehört habe, dass sich hier eine Gruppe gründet, war ich sofort gerne dabei.

SDV: Mich würde interessieren, welche Reaktionen ihr von anderen Jugendlichen bekommt.

FRANKA (lacht): Viele haben gleich gesagt: „Das ist wieder typisch Franka!“ Viele haben aber auch entweder nichts gesagt oder vereinzelt auch gefragt: „Was bringt das?“ oder „Die Welt hat eh keine Chance.“ Manche haben aber auch Unterstützung angeboten. Bei den Lehrern war es zweigeteilt und ich habe auch klar gemerkt:

Da gab es eine Entwicklung von der ersten bis zur zweiten Demo. Inzwischen unterstützen sie uns mehr. Hier in Nordhorn haben wir ja auch nur zwei Demos gemacht. Es wäre sicher schwieriger, wenn es jeden Freitag wäre.
SDV: Luca, du bist schon länger nicht mehr in der Schule, aber du bekommst ja auch Reaktionen mit - zum Beispiel in den sozialen Medien.

LUCA: Facebook-Kommentare darf man eigentlich gar nicht lesen. Manchmal tue ich es trotzdem. Da gibt es so viele unreflektierte und uninformierte Menschen, die sich erdreisten, mit falschen Fakten, Beleidigungen, Unwahrheiten um sich zu werfen. Nicht nur das, sondern sie versuchen zugleich, alles völlig ins Lächerliche zu ziehen. Man zerbricht eigentlich daran.

SDV: Woran, glaubst du, liegt das?

LUCA: Ich glaube, dass sich viele angegriffen fühlen. Wir fordern ja auch Verhaltensänderungen, aber natürlich bei uns selbst genauso wie von anderen. Wir sind ja auch nicht perfekt. Ich auch nicht.

FRANKA: Es sind einfach immer die gleichen Argumente. Wir alle würden uns mit SUVs von unseren Eltern zur Demo fahren lassen und solche Dinge.

SDV: Habt ihr aber nicht, oder?

LUCA: Es kommen fast alle mit dem Fahrrad zur Demo. Die Sache ist nur die: Wir brauchen alle Leute, um diese Welt noch zu retten. Irgendwie müssen wir die Leute mit ins Boot bekommen.

FRANKA: Solche Vorwürfe habe ich von anderen Jugendlichen auch noch nie gehört. Das kommt immer nur von Erwachsenen.

LUCA: Es ist ja auch nicht leicht, als Erwachsener etwas von Schülerinnen und Schülern aufgezeigt zu bekommen. Da gehört eine gewisse Größe dazu, sich nicht angegriffen zu fühlen. Aber wir wollen ja überhaupt Niemandem Vorwürfe machen. Wir sind sind einfach alle so aufgewachsen und haben uns an Vieles im Leben gewöhnt. Nur jetzt stellen wir fest, dass es so halt nicht weitergehen kann.

SDV: Was würdet ihr euch denn von der Kirchengemeinde wünschen?

FRANKA: Ich würde mir wünschen, dass die Bewahrung der Schöpfung auch in Gottesdiensten und Predigten ein Thema ist. Und Kirchenmitglieder sollten auch ganz klar Stellung beziehen.

LUCA: Aus meiner Sicht haben wir nicht nur eine ökologische Krise, sondern auch eine humanitäre und geistliche, spirituelle Krise. Das Leben, das uns hervorgebracht hat, treten wir mit Füßen. Das tun wir, weil wir uns von unserem Ursprung entkoppelt haben und dem Leben innerlich so fern sind. Dabei sind wir doch Teil vom Gesamtorganismus Erde und haben darin unsere Rolle. Im Alten Testament heißt es einmal, dass die Hand des Herrn heilt, zerschmettert und wieder aufrichtet. Ich frage mich, welche Rolle wir einnehmen wollen - die der Zerstörer? Angelegt ist das in uns Menschen, aber wollen wir wirklich Zerstörer sein? Unser Ziel jetzt bei Fridays For Future ist: Wir wollen den Menschen als Teil seiner Umwelt wieder in den Blick nehmen. Und da ist mir die Verbindung zum Glauben, und damit auch zu den Kirchen, ganz wichtig.

SDV: Der Mensch als Teil der Schöpfung ist ja tatsächlich etwas, was auch für uns als Christen wichtig ist.

LUCA: Jesus hat ja einmal gesagt: „Was du dem Geringsten getan hast, das hast du mir getan.“ Darüber müssten wir noch einmal richtig nachdenken. Unser gesamter Konsum basiert auf dem Leid anderer Menschen. Und nicht nur der Menschen, sondern der ganzen Erde. Dass uns das gar nicht mehr erschüttert, das verstehe ich nicht. Jede und jeder, der glaubt und sich zu Jesus Christus bekennt, sollte sich diese Worte wirklich noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

SDV: Ich danke euch. Für diesen wichtigen Appell. Für euer ehrenamtliches Engagement in der Kirche und bei Fridays For Future. Und vor allem auch für eure Ausdauer und das Durchhalten trotz all der Vorwürfe und Beleidigungen.

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