Veröffentlicht von Simon de Vries am Fr., 8. Mai. 2020 18:49 Uhr
Was ist ein Corona-Chor?

Eine Wortschöpfung, die nur in dieser seltsamen, manchmal regelrecht unwirklich erscheinenden Zeit möglich ist! Corona-Chor ist ein Widerspruch in sich, denn Chorsingen in Gemeinschaft, so wie viele von uns das kennen und lieben, ist zur Zeit streng verboten, und das mit nachvollziehbaren Gründen! Und doch ist es genau die Gemeinschaft, die wir vermissen! Wir, die wir keine Gottesdienste zusammen feiern dürfen, uns nicht besuchen, nicht gemeinsam beten, uns schon gar nicht umarmen dürfen! Manche von uns fühlen sich sehr allein! Aber singen verbindet – und „wer singt, betet doppelt“, wie schon der Kirchenvater Augustin sagte!

Wie bringen wir nun in Gemeinschaft unsere Anliegen vor Gott, ohne das Haus zu verlassen?

Die Ur-Idee stammte von Frau Käßmann. Von den einander Mut machenden Italienern inspiriert, die wir im Internet Arien von den Balkonen schmettern hörten, schlug sie das sogenannte „Balkonsingen“ vor: Jeden Abend vom 18. März an, als Gottesdienste erstmals verboten wurden, möge man „Der Mond ist aufgegangen“, also das Lied Nr. 482 aus dem Evangelischen Gresangbuch, zu Hause zu singen, aber so, dass es auch ein wenig in der Nachbarschaft gehört wird, denn der (vielleicht Corona-)„kranke Nachbar“ aus Strophe 7 sollte doch auch ruhig schlafen! Schwester Carola Beermann trug diese Idee an diejenigen in den Gemeinden weiter, die Passionsandachten vorbereitet hatten, die nun teilweise nicht mehr gehalten werden konnten:

„Tretet auf den Balkon, vor die Haustür oder in den Garten, singt und musiziert gemeinsam!“

Und Käthe Gutsuz war die erste, die dazu – durch die geöffnete Tür von ihrem Musikzimmer zum Garten – die Klavierbegleitung spielte! Das war, als würde sie uns alle begleiten. Mit „Der Mond ist aufgegangen“ fing es an, mit Lieblingschorälen ging es weiter und führte später zu Karfreitags- ,  Osterliedern und mehr.  Schwester Carola war manchmal mit ihrer Gitarre „dabei“. Und sie hat Abwechslung in unser tägliches Singen gebracht und unsere kleine Gemeinschaft mit Hintergrundgeschichten versorgt, zum Beispiel, dass die von ihrer Freundin Bärbel aus Scharbeutz, deren Freundin und ihr Vater ebenfalls mitsingen und natürlich Wunschlieder äußern. So lesen wir von Internet-Gottesdiensten in Ostholstein und davon, dass das eine Lied ein Ständchen zum 86. und das andere das Lieblingslied der gerade erst verstorbenen Ehefrau ist. Auf diese Weise singen wir mit dem Gedanken an uns überraschend nahe gekommene Menschen und erfahren, welche tiefe Freude unser kleiner Chor auslösen kann.

Wie viele Mitglieder hat denn unser virtueller Chor?

Das ist keine leichte Frage, denn zu den zwölf Teilnehmern/Innen, die in der regelmäßigen fast täglichen Mail angeschrieben werden, kommen Partner und Partnerinnen der Sängerinnen und Sänger und Menschen ohne Computer,  die Schwester Carola anruft – sie nennt es „Telefonbesuch“, um ihnen das nächste Lied mitzuteilen, das sich meist jemand aus dem Sängerkreis gewünscht hat. Manche Teilnehmer/innen sind später dazu gekommen und fühlen sich freundlich aufgenommen in diesen Singkreis. Alles in allem singen wohl 24 Menschen im Alter von Mitte 30 bis Mitte 80 mit. Und wir kommen nicht nur aus Nordhorn und Scharbeutz, sondern auch aus Schwarmstedt, Hannover, Lindwedel, Aurich und Hildesheim.

Was ist das Schöne an diesem besonderen gemeinsamen Singen?

Zunächst einmal kann es sich schon eigenartig anfühlen, so allein vor sich hin zu singen. Aber die Regelmäßigkeit und das Wissen, dass die anderen ja auch dieses Gefühl kennen und überwunden haben, macht Mut. Mancher ist vielleicht froh, dass es keiner mitkriegt, wenn ich ein Lied nicht kenne, heiser bin oder mich – wie es bei mir manchmal der Fall ist – auf der Querflöte verspiele. Und dann bin ich ja auch neugierig, was heute dran ist und lerne einige neue Lieder kennen oder alte Lieder neu lieben! Von einem Ehepaar hörte ich, dass sie sich vor dem eigentlichen Singen die Zeit nehmen, den Liederdichter im Gesangbuch nachzuschlagen und sich über sein Leben informieren. Ja, wann hatten wir schon einmal so viel Zeit, um unsere Gesangbuchlieder derart wertzuschätzen?

Und es ist noch mehr: Es gibt diese besonderen Momente, wo jemand seine Gefühle zu einem Lied allen mitteilt – etwas, was selten in der Kirche oder auch im Kirchenchor passiert! Ein Lied kann genau die Stimmung treffen, in der ich an dem Abend bin. Oder ein Liedtext überrascht mich, weil er mir zum Beispiel den Karfreitag neu verständlich macht. Was dabei über die Wochen vor und nach Ostern wichtig, ja unverzichtbar war, sind Schwester Carolas behutsame Kommentare und Vorschläge zum Gestalten der eigenen Andacht, die uns auch theologisch  an die Hand genommen haben, ohne uns zu einem Verständnis oder einem Handeln zu drängen. Es gab zu Karfreitag eine kleine, wunderschöne, ganz reale Überraschung für alle Mitglieder: Ein Ostergärtchen, d.h. ein  Glas, in das die liebe Carola Erde gefüllt und – noch unsichtbar! – Kresse eingesät hat. In diesem „Gärtchen“ stand ein kleines Kreuz aus Zweigen, an das sie ein Holz-Osterei gehängt hatte. Ich möchte, stellvertretend für viele kleine Impulse aus unserer „Abendchorpost“ den herausnehmen, der sich auf dieses Ostergärtchen bezieht. Schwester Carola schreibt: „Wie schön zu beobachten, wie nach und nach aus der schwarzen, dunklen Erde und den kleinen braunen, fast tot geglaubten Samenkörnern doch neues, frisches Leben aufkeimt und dann vielleicht am Sonntag ein leckeres Kressebrot oder mit Kresse bestreutes Osterei verzehrt werden kann. - Der Tod hat eben nie das letzte Wort, auch wenn es zunächst so aussehen mag. Aber Glaube an den Schöpfer, der alles so wunderbar gemacht hat, Liebe zu Jesus Christus, der mit uns durch die Dunkelheiten des Lebens und des Todes gehen will und die Hoffnung auf Ewiges Leben in Gottes Gegenwart und mit allen, die uns schon im Glauben vorangegangen sind, das ist für mich das Geheimnis der Kar- und Ostertage und gerade in der Natur immer wieder so wunderbar erlebbar. Deshalb lasst uns mit kindlicher Neugier jeden Morgen in unser Ostergärtchen blicken, ob da nicht doch schon ein kleines Bisschen Hoffnungsgrün zu sehen ist.“ Und weiter schreibt sie– hier ist das Augenzwinkern in den Zeilen spürbar, das uns auch immer wieder schmunzeln lässt: „Nicht dran ziehen! Alles hat seine Zeit!“ Also, bei mir hat es gut geklappt, das Kressebrot war sehr lecker! Und der kleine Ostergarten wird uns in unserem Zu-Hause bleiben – als Erinnerung an ein höchst ungewöhnliches Osterfest!

Gab es besondere Herausforderungen?

Unser Corona-Chor war von Anfang an ökumenisch. Um bei der Lieder-Angabe alle Sänger/Innen mit einzubeziehen, bekam jede/r von uns von Schwester Carola das katholische Gesangbuch „Gotteslob“ (GL) vorbeigebracht, und wir lasen in den Mails, wie sich auch Evangelische Gesangbücher (EG) überraschend in den Haushalten anfanden. So lernten wir auch Lieder aus der jeweils anderen Konfession kennen, wenn sie nicht in beiden Gesangbüchern vorhanden waren. Auch hier waren wunderbare Entdeckungen zu machen.

Schwester Carola hat uns natürlich auch als Näh-Nonne liebevoll versorgt und jedem und jeder von uns eine – passend zum Singen gestaltete – Corona-Maske gefertigt. (Bild) Ja, die Freude auf die allabendlichen Mails, die mitunter kleine Andachten waren,  hat uns aus so manchem Stimmungstief geholt und wieder gute Laune – ja Hoffnung geweckt.

Was haben wir denn so gesungen?

Für alle, die Interesse an dem haben, was über die Wochen hin gesungen wurde, hier unsere ökumenische Liederliste:

EG 487: Abend ward, bald kommt die Nacht
EG 316, GL 392: Lobe den Herren, den mächtigen König
EG 321, GL 405: Nun danket alle Gott
EG 65, GL 858: Von guten Mächten
EG 477, GL 101: Nun ruhen alle Wälder
EG 603: Ins Wasser fällt ein Stein
EG 329: Bis hierher hat mich Gott gebracht
EG 385, GL 461: Mir nach, spricht Christus
EG 165, GL 387: Gott ist gegenwärtig
EG 347, GL 436: Ach, bleib mit deiner Gnade
EG 604: Wo ein Mensch Vertrauen gibt
EG 395, GL 856: Vertraut den neuen Wegen
EG 372, GL 416: Was Gott tut, das ist wohlgetan
EG 266: Der Tag, mein Gott
EG 503, GL 865: Geh aus, mein Herz
EG 382, GL 422: Ich steh vor dir mit leeren Händen
EG 361, GL 418: Befiel du deine Wege
GL 423: Wer unter dem Schutz des Höchsten
EG 171, GL 453: Bewahre uns Gott
EG 789,2, GL 286: Bleibet hier und wachet
EG 98, GL 754: Korn, das in die Erde
GL 210: Das Weizenkorn muss sterben
EG 488: Bleib bei mir, Herr
EG 85, GL 289: O Haupt voll Blut und Wunden
EG 99, GL318: Christ ist erstanden
EG 100, GL 329: Wir wollen alle fröhlich sein
EG 116: Er ist erstanden
EG 103, GL 328: Gelobt sei Gott
EG 115, GL 335: Jesus lebt
EG 112: Auf auf, mein Herz
GL 329: Dies ist der Tag, den Gott gemacht
EG 117: Der schöne Ostertag
EG 503: Geh aus, mein Herz;
EG 302: Du meine Seele singe:
EG 641: Nun steht in Laub und Blüte;
GL 467: Erfreue dich, Himmel;
EG 229: Kommt mit Gaben und Lobgesang;
GL 325: Bleibe bei uns, du Wandrer durch die Zeit;
EG 616: We shall overcome
EG 262, GL 481: Sonne der Gerechtigkeit;
EG 272, GL 400: Ich lobe meinen Gott;
EG 395, GL 856: Vertraut den neuen Wegen

Wie wird es weitergehen? Wie lange werden wir noch so miteinander singen? Bislang verspüren wir keine Lust, aufzuhören, im Gegenteil! Der Gesang fehlt mir mittlerweile, wenn er ausnahmsweise von mir aus einmal ausfallen bzw. verschoben werden muss. Das bestätigten auch eine Mitsängerin und ein Mitsänger, die ich beide dazu befragt habe. Lernen wir so etwa, das Singen wieder dauerhaft in unseren Tageslauf einzubauen? Werden wir, wenn wir nicht mehr auf „virenfreie virtuelle Umarmung“ angewiesen sind und wir wieder ohne Masken unterwegs sein können, trotzdem diese besondere Nähe zu Gott im Alltag beibehalten?

Das wäre doch schön, denn sie tut gut!

Kategorien Musik und Konzerte