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Maria als Mutter - "Warum nur, mein Sohn, warum?"

Maria als Mutter - "Warum nur, mein Sohn, warum?"
Veröffentlicht am Mo., 23. Nov. 2020 12:56 Uhr
Themenschwerpunkt

Dass Jesus tatsächlich gelebt hat, ist historisch belegt. Demzufolge muss er eine Mutter gehabt haben: Maria. Aber über Maria ist wenig bekannt, nicht allzu viel belegt. In den ersten Jahrhunderten der Christenheit spielte sie kaum eine Rolle. Seit dem Konzil von Ephesus 431 wird sie als Gottesgebärerin bezeichnet. Besonders in der katholischen Tradition wird sie in den nächsten Jahrhunderten mit weiteren Attributen versehen: die unbefleckte Empfängnis, lebenslange Jungfräulichkeit, die leibliche Auffahrt in den Himmel werden ihr zugeschrieben. Eines aber ist gewiss: sie war eine Mutter. Wie wird sie als Mutter auf das Leben ihres Sohnes Jesus geblickt haben? Welche Gedanken, welche Gefühle hatte sie nach seinem Tod?

Vielleicht erinnerte sie sich daran, wie er als junger Mann, noch zu Hause, beinahe täglich mit seinen Freunden zusammentraf. Freunde, die ihr möglicherweise nicht geheuer waren. Ein Umgang, der ihr vielleicht nicht gefiel. Weil sie große Reden schwangen, deren Inhalt sie nicht zustimmen konnte. Das Verhalten eines normalen Teenagers, die Reaktion einer normalen Mutter. Vielleicht suchte sie immer wieder das Gespräch mit ihm, auch später, als er längst ihr Haus verlassen hatte und durch das Land zog. So könnte sie es empfunden haben. Ein fröhlicher, unbeschwerter Arbeitsloser, der sein Leben genoss, mit Freunden durch die Gegend zog, feierte, von einem Tag auf den anderen lebte und nicht bereit war, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. So jedenfalls in ihren Augen. Vielleicht nicht gerade eine Lebensweise, die sie sich für ihren Sohn gewünscht hat.

Möglicherweise hatte sie oft gar keine Kenntnis, wo er gerade war, wie es ihm ging. Wahrscheinlich machte sie sich viele Sorgen, hatte viele schlaflose Nächte mit besorgten Gedanken. Vielleicht war er ihr Sorgenkind, das aus ihrer Sicht nicht erwachsen wurde, nicht im Leben ankam. Vielleicht hatte sie ihn gebeten, von diesen Freunden abzulassen, von denen sie dachte, dass sie nicht gut für ihn waren. Sicherlich war er den Obrigkeiten bereits unangenehm aufgefallen als Rädelsführer einer Gruppe, die sich gegen die bestehende Ordnung auflehnte, möglicherweise stand er unter der Beobachtung, denn irgendeine Art von Verfassungsschutz wird es sicherlich auch vor 2000 Jahren gegeben haben.

Doch was wusste sie schon von seinen Zielen und Ideen? Sie hatte doch keine Ahnung. Das hatte er ihr möglicherweise oft genug gesagt. Und so verhallten ihre Appelle, ihre Bitten, ungehört. Vielleicht war er ihr längst fremd geworden, hatte keine Ähnlichkeit mehr mit dem Kind, dem Jungen Jesus, mit dem sie gespielt, mit dem sie Hausaufgaben gemacht hatte, den sie getröstet hatte, wenn er traurig war, dem sie Mut gemacht hatte, wenn er Selbstzweifel hatte, vielleicht sehnte sie sich zurück nach den Sabbatabenden seiner Kindheit, als ihr Jesus noch ein ganz normaler Junge war, unauffällig, intelligent, freundlich, ihr zugewandt, ein Junge, der seine Mutter liebte.

Damals war ihre Welt noch in Ordnung und die Zukunft noch unbekannt. In nicht allzu ferner Zukunft, dachte sie, würde er einen Beruf lernen, dann ein nettes Mädchen treffen, heiraten und selbst eine Familie gründen. Sie würde Enkelkinder bekommen, Oma werden. Dachte sie. Wünschte sie. Für sich, aber noch mehr für ihn. Sie wollte für ihn, was alle Mütter, alle Eltern für ihre Kinder am meisten wünschen: ihn glücklich sehen. Der Gedanke, dass ihre Vorstellung von Glück sich vielleicht nicht mit der seinen deckte, kam ihr möglicherweise gar nicht in den Sinn. Vor allem aber wollte sie, dass er lebt, dass er lange lebt. Dass er sie überlebt, seine Mutter. Dass er sie in Erinnerung behält und seinen Enkelkindern von ihr erzählt. Stattdessen …

Vielleicht hatte sie mit Skepsis von den Wundern gehört, die er vollbrachte. Die Erweckung des Lazarus von den Toten. Wie sollte das gegangen sein? Noch niemand war von den Toten zurückgekommen. Sollte sie das überhaupt glauben? Sie war Gast bei der Hochzeit von Kana, wo Jesus Wasser zu Wein verwandelte. Vielleicht fragte sie sich, wozu das gut sein sollte. Alle Gäste waren schon betrunken genug. Vielleicht dachte sie auch, möglicherweise hatte der Hausherr irgendwo noch Krüge mit Wein bereitstehen? Wer weiß. Vielleicht traute sie diesen Vorgängen nicht. Vielleicht war es für sie Scharlatanerie, Wichtigtuerei.

Vielleicht fand sie es befremdlich, dass Jesus von so vielen Menschen verehrt und bewundert wurde. Zur Lichtgestalt wurde. Vielleicht konnte sie seine Taten nicht bewundern. Sondern hatte ganz im Gegenteil die Nachteile gesehen, die sein Verhalten ihm brachte, Verfolgung und schließlich sogar Verurteilung und Tod, Hinrichtung. Und wofür das Ganze? War es das wert? Aus ihrer Sicht, der Sicht der Mutter? Sie konnte ja damals nicht ahnen und hätte es wohl auch nicht geglaubt, dass Jesus, ihr Sohn, der Begründer einer Weltreligion werden würde. Und vielleicht wäre ihr auch das egal gewesen. Eine Religion für sein Leben? Jesus war für sie vielleicht nicht so sehr der Sohn Gottes, sondern einfach nur ihr Sohn, den sie liebte, ein ganz normaler junger Mann, der seinen Weg in die Gesellschaft hätte zurückfinden müssen. Nichts weiter. Nichts weniger.

von Sonja Henkenborg